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Das rote "A" behält seinen Glanz

Luxemburg. Wo Apotheke dran steht, muss auch ein Apotheker drin sein. Diesen Grundsatz der deutschen Arzneimittel-Versorgung hat das oberste Europäische Gericht gestern in einem lange erwarteten Urteil bestätigt. Es bedeutet das Aus für große Medikamentenhändler-Ketten wie Doc Morris, hinter denen Kapitalgesellschaften stehen Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes

Luxemburg. Wo Apotheke dran steht, muss auch ein Apotheker drin sein. Diesen Grundsatz der deutschen Arzneimittel-Versorgung hat das oberste Europäische Gericht gestern in einem lange erwarteten Urteil bestätigt. Es bedeutet das Aus für große Medikamentenhändler-Ketten wie Doc Morris, hinter denen Kapitalgesellschaften stehen. Klar, wie der Kommentar des Deutschen Apothekerverbandes ausfallen würde: "Ein guter Tag für den Verbraucher- und Patientenschutz", sagte dessen Vorsitzender Fritz Becker. Und auch Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) lobte den Spruch des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), nun herrsche doch "endlich Rechtsklarheit".Auslöser des Streits war die Eröffnung einer Apotheke des niederländischen Versenders Doc Morris, der zum Pharmagroßhandel Celesio gehört, vor knapp drei Jahren in der Saarbrücker Kaiserstraße. Mehrere Konkurrenten hatten daraufhin geklagt, die zuständigen Gerichte ordneten erst die Schließung an, nahmen den Bescheid dann wieder zurück. Am Ende wurde der EuGH eingeschaltet. Denn über den Einzelfall hinaus ging es um den gesamten deutschen Arznei-Markt: Darf ein EU-Mitglied den Betrieb einer Apotheke nur einem Apotheker übertragen? Und ihm zugleich vorschreiben, neben seinem eigenen Geschäft höchstens drei Filialen zu führen? Ja, sagten die Luxemburger Richter. Denn der Staat habe gerade bei Medikamenten die Pflicht, alle "Schutzmaßnahmen zu treffen", um die Bevölkerung vor Schaden zu bewahren. Auch wenn durch die deutsche Beschränkung die Niederlassungsfreiheit anderer Unternehmer eingegrenzt werde, sei das in diesem Fall gerechtfertigt. Hinzu komme, dass ein Apotheker sein Geschäft nicht nur "aus rein wirtschaftlichen Zwecken betreibt". Im Gegensatz zu großen Filialbetrieben sei diese Unabhängigkeit ein Garant dafür, dass ein Apotheker Patienten gebe, was diese brauchen - und nicht das, was dem Geschäftsgewinn förderlich ist. Daher sei es völlig in Ordnung, so die Richter, wenn ein Staat im Betrieb einer Apotheke durch einen Nichtapotheker "eine Gefahr" sehe.Einen wichtigen Aspekt erwähnte die Richter in ihrer Begründung eher nebenher: Arznei kann, wenn sie ohne Not oder gar falsch eingenommen wird, der Gesundheit schweren Schaden zufügen. Und den Kassen große Lasten aufbürden, darf man ergänzen. In einem Gesundheitswesen, in dem Selbstmedikation gewollt ist und immer weiter um sich greift, wird der Apotheker somit zur einzigen verlässlichen Anlaufstelle, um Gefahren zu verhindern. Auch das rechtfertigt seine schützenswerte Sonderstellung. Auf Seiten des Prozessverlierers gab man sich gestern versöhnlich, obgleich sich Doc Morris bereits auf eine weit gehende Liberalisierung des deutschen Marktes eingestellt hatte und daher einen über 14-prozentigen Verlust seiner Aktie hinnehmen musste. Der Grund für die Gelassenheit: Längst haben sich Franchise-Modelle etabliert, bei denen verschiedene Geschäfte in einem Netzwerk zusammenarbeiten und gemeinsam auftreten. Für den deutschen Verbraucher bleibt also keineswegs alles beim Alten. Für die Apotheken mit dem roten "A" auch nicht - sie müssen sich dem neuen Wettbewerb stellen. Denn genau genommen lehnte der Gerichtshof nur das Geschäftsmodell ab, bei dem hinterm Verkaufstresen nicht mehr ein persönlich haftender, pharmazeutisch ausgebildeter Experte steht, sondern ein Verkäufer. Andere Formen von Kooperation sind davon unberührt, und die werden zunehmen. Das Luxemburger Urteil macht es Apothekern also nicht leichter.