Das Ping-Pong-Spiel zweier Ego-Eitelkeiten

Das Ping-Pong-Spiel zweier Ego-Eitelkeiten

Saarbrücken. Alles begann am 22. Oktober 1961. Thomas Bernhard (Foto: dpa) bewirbt sich mit seinem Prosamanuskript "Der Wald auf der Straße" bei Siegfried Unseld (Foto: ddp). Der Autor schreibt ihm prägnant, höflich, bestimmt. Er endet: "Aber ich gehe den Alleingang." Sein Text wird nie gedruckt

Saarbrücken. Alles begann am 22. Oktober 1961. Thomas Bernhard (Foto: dpa) bewirbt sich mit seinem Prosamanuskript "Der Wald auf der Straße" bei Siegfried Unseld (Foto: ddp). Der Autor schreibt ihm prägnant, höflich, bestimmt. Er endet: "Aber ich gehe den Alleingang." Sein Text wird nie gedruckt. Anderthalb Jahre später erscheint der Roman "Frost", Bernhards Prosadebüt, im gerade von Suhrkamp übernommenen Insel Verlag. Wiederum anderthalb Jahre darauf wendet sich Unseld an seinen Autor: "Mir liegt viel daran, mit Ihnen gemeinsam diesen neuen Weg zu gehen."

Wie sie das getan haben, kann man nun in einem kurzweiligen, exzellent edierten, äußerst lesenswert kommentierten Briefwechsel nachlesen, einem Denkmal von einem Buch. Es ist ein heiter-tragisches Musterbeispiel einer idealen Autor-Verleger-Beziehung, ein Ping-Pong-Spiel der Ego-Eitelkeiten, ein sensationelles Dokument eines vorbildlichen Gebens und Nehmens im Kulturbetrieb. 524 Briefe, Telegramme und Postkarten auf 870 Seiten bis hin zum großen Finale im November 1988. Unseld: "Für mich ist eine Schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist überschritten, ich kann nicht mehr." Bernhard: "Dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben."

Das war er natürlich nicht, und natürlich waren die gegenseitigen Kündigungen auch nicht der Schlusspunkt der produktiven Beziehung dieser beiden Arbeiter aus Leidenschaft. So nämlich war das stets: Wenn sich in immer wieder ähnlichen Amplituden die Korrespondenzfronten verhärtet hatten, bis nichts mehr ging, besuchten und einigten sich die beiden großen Verhandler ihrer Sache irgendwie. Die Sache hieß: ein Werk schaffen bei finanzieller Unabhängigkeit und der monomanische Dienst daran. Im Januar 1989, 14 Tage vor Bernhards Tod, trifft man sich im Salzburger "Sheraton", redet über die Welt, den Nachlass und Unselds größtes Ärgernis, dass nämlich die fünf Bände der Autobiografie peu à peu und entgegen den Versprechungen im Residenz Verlag erschienen.

Den ganzen Bernhard sollte keiner bekommen. Auch darum dreht sich dieses in gegenseitiger Hassliebe geführte Duell. Vom Start weg geht es um Geld. Schon beim Kennenlernen in Unselds Frankfurter Haus am 28. Januar 1965 hatte Bernhard 40 000 DM verlangt - und sie bekommen. Das Feilschen, Verhandeln und Fordern gibt das Grundrauschen des Schriftwechsels. Bernhard beklagt sich über die Höhe seiner Honorare. Doch schließlich Unselds überraschende Bilanz am 13. Oktober 1987: "Guthaben Thomas Bernhard DM 319 000".

Es ist die traumwandlerisch sichere Linie zwischen Tragik und Komik, die Bernhards in der musikalischsten Sprache der Moderne verfasste Prosawerke und Theaterstücke kennzeichnet. Man findet sie auch in seinen Briefen. Das ist eine Herausforderung an den Adressaten, und es ist grandios, wie souverän Unseld in seinen Antworten Witz, Verve, Verhandlungsgeschick und Präzision verbindet - "Getreu nach jenem ungeschriebenen Gesetz hier im Hause, wonach der Autor das letzte Wort hat. Bis zu diesem Wort aber möchte ich kämpfen mit Ihnen." Bei den immer neuen Skandalen und Volten blieb er an seiner Seite, vermittelte, milderte ab, beschwichtigte - und hatte die neuen Manuskripte gelesen. Und Gleiches tat er ja zeitgleich auch mit Walser, Frisch, Mayröcker, Handke, Johnson, Koeppen, Bachmann und anderen. Auch wenn beide nie zum Du fanden, spiegelt allein der gigantische Umfang ihres Dialogs eine besondere Nähe. So nannte Bernhard Unseld ein "Genie ganz aus Liebe zur Literatur" - "Lieber Thomas Bernhard, ich mag Sie halt sehr!", seufzte Unseld. Was für ein wundervolles Dokument!

Thomas Bernhard, Siegfried Unseld: Der Briefwechsel. Hrsg. von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer. Suhrkamp, 870 Seiten, 39,80 €

Thomas Bernhard-Lesung morgen, 19 Uhr, im Kulturbahnhof (KuBa) Saarbrücken.

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