Das Orakel am Ohr

Das Orakel am Ohr

Dass ich technologisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit bin, habe ich ja schon immer gewusst. Wie weit abgehängt ich bin, ist mir erst richtig klar geworden, als ein Freund neulich stolz sein allerneuestes HighTech-Spiel-Funktionsgerät vorstellte: sein I-Phone. Selbst auf Technik-Muffel wie mich hat das chice Ding eine faszinierende Wirkung. Man muss es einfach in die Hand nehmen und betatschen

Dass ich technologisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit bin, habe ich ja schon immer gewusst. Wie weit abgehängt ich bin, ist mir erst richtig klar geworden, als ein Freund neulich stolz sein allerneuestes HighTech-Spiel-Funktionsgerät vorstellte: sein I-Phone. Selbst auf Technik-Muffel wie mich hat das chice Ding eine faszinierende Wirkung. Man muss es einfach in die Hand nehmen und betatschen. Statt auf Pfeiltasten rumzuhämmern, streichelt man den Bildschirm sanft mit dem Finger. Sinnlich. Beeindruckend. Ich hab' es gleich mal ausprobiert und mich gefragt: Brauchst du auch so was? Ist es nicht an der Zeit, technologisch aufzurüsten - zumal ich danach von einer Freundin noch zum virtuellen Kegeln ins Wohnzimmer eingeladen worden war - woraufhin sie mir erst einmal erläutern musste, wie das mit der Spielkonsole funktioniert. Sie treibt übrigens auch Yoga - allerdings nicht in einer Gruppe, sondern mit eben diesem an den Fernseher angeschlossenen Gerät, ergänzt um eine mit Sensoren versehene Apparatur, die Körpermaße und Bewegungsabläufe registriert.

Sport im Verein? Das ist nur für Leute von gestern. Die menschliche Interaktion beschränkenden Funktionen hat auch das I-Phone: Vorbei die Zeiten, als man Menschen nach dem Weg fragen musste. Wer sein Orakel in Form eines Mini-Mitnehmcomputers immer dabei hat, verlässt sich einfach auf dessen GPS-Steuerung. Wachen Auges durch eine Stadt zu spazieren, kommt aus der Mode. Man schaut aufs Display statt aufs Straßenschild. Das Ding hat sogar einen Trinkgeld-Rechner! Es kann meine Kinder unterhalten, Einkaufslisten erstellen und zur Fernbedienung werden. Die "Produktivitätsprogramme" und Hilfsanwendungen sorgen dafür, dass der Mensch - pardon, der Nutzer - stundenlang damit beschäftigt ist, sich eben diese runterzuladen und - zu nutzen. Um jene Zeit einzusparen, die er zuvor aufs Erlernen der Anwendungen aufgewendet hat. Mehr Technik, mehr Zeit, mehr Lebensqualität - ob diese Gleichung aufgeht?