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Das Märchen von bösen und guten Faschisten

Moskau. Klaus-Helge Donath

Den Zutritt zum "Internationalen Russischen Konservativen Forum" im Hotel Holiday Inn in Sankt Petersburg regeln bunt uniformierte Kosaken. In den Händen halten sie stattliche Lederpeitschen. Die Kosaken erfüllen gleich zwei Aufgaben. Als folkloristische Darbietung verleihen sie der Veranstaltung Kolorit, als Sicherheitspersonal demonstrieren sie traditionelle russische Wehrbereitschaft. Denn das ist das übergeordnete Thema des Forums: auf der Hut sein gegen die liberalen Einflüsse aus den USA und Europa.

Rund 300 Vertreter rechtsradikaler und faschistischer Gruppierungen aus Europa sind der Einladung der ausländerfeindlichen Partei Rodina (Heimat) nach Sankt Petersburg gefolgt. Das ehemalige Leningrad trägt den Beinamen Heldenstadt, weil es im Zweiten Weltkrieg 900 Tage der Blockade der Nazi-Armee widerstand. Hunderttausende gingen damals zugrunde. Das Gedenken daran ist überall präsent. Dennoch erzeugte der Aufmarsch der Rechtsextremen nur vorsichtigen Widerspruch. Eine Handvoll junger Antifaschisten trommelte vor dem Hotel und wurde festgenommen. Ein paar ältere Petersburger demonstrierten mit handgemalten Schildern: "Faschisten nehmen Petersburg". Erst haben wir ihnen widerstanden, jetzt laden wir sie ein, meinte eine ältere Kommunistin kopfschüttelnd.

Russlands Agenda hat sich geändert. Schon seit längerer Zeit schmiedet Moskau Bündnisse mit rechtsextremen und faschistischen Parteien in Europa. Nach dieser Logik gibt es gute und böse Faschisten . Die guten ziehen mit Moskau , das eine Internationale der Reaktion errichten möchte. Ziel ist die Zersetzung der Europäischen Union. Russland müsse sich wegen Sanktionen und Isolation "nach neuen politischen Möglichkeiten in Europa umschauen", sagt Oleg Ignatow, ein Kreml-naher Beobachter. Dieser "Club von Freunden" könne auch "Druck auf die europäischen Regierungen ausüben, um deren politischen Kurs zukorrigieren".

Die deutsche NPD war beim Forum durch Udo Voigt vertreten. Für die Goldene Morgenröte aus Griechenland war der gerade aus der Haft entlassene Parteichef Nikolaos Michaloliakos angereist. Die italienische Forza Nuova schickte den Vorsitzenden Roberto Fiore, Großbritanniens National Party ihren Ex-Chef Nick Griffin. Delegationen aus Bulgarien, Dänemark, Schweden und Belgien waren ebenso vertreten wie Mitglieder des französischen Front National . Parteichefin Marine le Pen, die sonst enge Kontakte zu den Organisatoren der Konferenz unterhält, kam dagegen nicht nach Petersburg. Zwischen den Wahlgängen in der Heimat wollte sie sich nicht in ultrarechtem Umfeld zeigen.

Die Treffen der Rechtsextremen sollen künftig jährlich stattfinden. Das Konzept ist klar: Die Vernetzung der radikalen Rechten und Linken ist Teil der Zersetzungstaktik, mit der Russland das verachtete Europa in die Knie zwingen will. Der "Antifaschismus" des Kreml sei jedenfalls "ausschließlich für den Export" gedacht, schreibt der Jabloko-Abgeordnete im Petersburger Parlament, Boris Wischnewskij. Genauso wie das Selbstbestimmungsrecht nach dem Vorbild der Krim. Alexander Werchowskij, russischer Experte für Rechtsradikalismus , sieht bereits einen "innenpolitischen Wettbewerb, wer mit den Ultrarechten zusammenarbeitet". Die Aktivität der Faschisten sei sprunghaft angestiegen. Früher hätten sie sich an Stadträndern versammelt oder im Ausland - heute tagen sie mitten in Sankt Petersburg .