Das Entsetzen hinter der schönen Fassade

Das Entsetzen hinter der schönen Fassade

Die Konzeptkunst von Parastou Forouhar bewegt sich zwischen Systemkritik und biografischer Erinnerung. In den Werken der in Deutschland lebenden Iranerin offenbaren sich die Spuren menschlicher Demütigung.

Der Moment, in dem die Schönheit bricht und sich in Grausamkeit verwandelt, ist gleichsam der Moment der Einsicht in die Hintergründigkeit von Parastou Forouhars Werken. Dann entpuppen sich die feingliedrigen, ornamentalen Muster ihrer Bilder und die der Stoffe als mit zarten Linien gezeichnete Folterwerkzeuge und als vorwiegend männliche Geschlechtsteile. Dann spürt man das Entsetzen hinter der schönen Fassade mit der orientalisch anmutenden Ornamentik. Nach und nach treten gesichtslose Körper aus den Digitalzeichnungen der in Deutschland lebenden Iranerin hervor. Mal als Ganzes in zarten Linien dem bunt gemusterten Grund eingeschrieben und zu Gruppen verbunden. Mal als Fragmente, die an ausgerissene Extremitäten einer Puppe erinnern.

Umso näher man ihren Werken kommt, umso deutlicher offenbaren sich die Spuren menschlicher Demütigung. Gebückte, zusammengekauerte Körper sind assoziationsträchtigen Schmetterlingsformen eingeschrieben. Folterszenen ganz spielerisch in Daumenkinos abzurufen. Gruselig ist das und doch faszinierend. Weil wunderbar gezeichnet, mit feinen Linien in einem Formenspiel, dem die Schönheit trotz des traurigen Inhalts nicht abhanden gekommen ist. Nicht die einzige Ausdrucksform von Forouhars international erfolgreicher politischer Kunst, die sich zwischen Systemkritik und biografischer Erinnerung bewegt.

In dieser schaurig schönen Schau begegnet man unter anderem auch zwei Spieltischen, einer Wandinstallation und einer kalligrafischen Rauminstallation, deren scheinbar persische Schriftzeichen wie ein Schleier über Wand und Boden schwingen. "Sie besitzen keine direkte Botschaft, sondern symbolisieren in kalligrafisch schöner Form, wie meine Muttersprache sich von mir immer weiter entfernt", erzählt die vielseitige Künstlerin, deren Eltern 1998 vom iranischen Geheimdienst liquidiert wurden.

Im Dachgeschoss laden Sitzkissen in sonderbar poppigen Farben, versehen mit arabischen und persischen Schriftzeichen zum Verweilen ein. Sie verweisen einerseits auf den Einfluss der Moderne, andererseits aber auch auf die schiitische Glaubensmehrheit des "modernen" Gottesstaates. "Hier habe ich religiöse Banner verarbeitet, die beim Aschura-Fest zum Einsatz kommen", klärt Forouhar lächelnd auf. Das Fest, bei dem Schiiten in aller Welt sich in Erinnerung an den gewaltsamen Tod ihres Glaubensvaters Hussein zu geißeln pflegen. "Der Glaube lebt und vermischt sich mit Elementen der Moderne", fügt sie hinzu. Wenn dann der Blick auf die Digitalfotos an den Wänden fällt, macht es sich wieder breit, dieses hintergründig Ironische, das in ihren ambivalenten Werken stets mitschwingt. Sie zeigen den schwarzen Tschador, die traditionelle iranische Frauenkleidung, der stoppelige Männerhinterköpfe statt schöner weiblicher Gesichter umhüllt.

Parastou Forouhars "He kills me, he kills me not". Bis zum 1. September. Städtische Galerie Neunkirchen, Marienstr. 2. Di - Fr 10-12.30, 14-17 Uhr; Do -18 Uhr; Sa 10-17 Uhr; So 10-18 Uhr. Programm unter www.staedtische-galerie-neunkirchen.de.

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