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Das Ende der Affäre Wulff

Christian Wulff glaubt nun, dass seine Ehre gerettet ist. Das ist sie auch. Von Hagen Strauß

Allerdings nur aus rein juristischer Sicht. Trotz des gestrigen Freispruchs bleibt es dabei: Wulff ist ein gescheitertes Staatsoberhaupt, eine Irrung der präsidialen Geschichte der Bundesrepublik. Die, und das sollte nicht vergessen werden, dem Land damals von Kanzlerin Angela Merkel aus rein parteipolitischen Motiven aufgedrückt wurde.

Gescheitert ist Wulff vor allem an sich selbst. An seinem fehlenden Abstand zu den Reichen und Schönen, an seinem taktischen Umgang mit der Wahrheit und an einem fürchterlichen Krisenmanagement. Aber: Wulff war auch ein Opfer medialer Jagdlust. Der gestrige Schlusspunkt in der Affäre sollte deshalb noch einmal zum Nachdenken darüber führen, wie man mit echten und vermeintlichen Verfehlungen von Spitzenpolitikern umgeht, wo Grenzen der Berichterstattung künftig verlaufen sollen. Für Wulff dürfte das Urteil eine innere Befreiung sein. Ihm ging es ja immer um die historische Deutung: Er wird zwar als erster Präsident in die Geschichtsbücher eingehen, gegen den ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Der Zusatz muss nun aber stets lauten: in vollem Umfang unschuldig. Das sei ihm gegönnt. Sein Amt hat er verloren, seine Karriere ist zerstört, seine Ehe hinüber, und sein Ansehen wird vielfach nur noch von einem gewissen Mitleidsfaktor getragen. Das ist wohl mehr, als die meisten Menschen verkraften könnten.

Weil das so ist, und weil das Gericht ihn so erstklassig freigesprochen hat, muss jetzt Schluss sein mit der Hatz auf den Ex-Präsidenten. Wulff ist juristisch rehabilitiert. Nun hat er ein Anrecht darauf, sein Leben weiter in Ruhe zu ordnen, sich neue Aufgaben zu suchen. Zu Wulffs Geschichte gehört schließlich auch, dass er sich als Regierungschef in Niedersachsen erhebliche Verdienste erworben hat. In einem Umfang übrigens, der ihn mal zum beliebtesten Politiker der Republik machte, einem, dem man sogar eine Kanzlerkandidatur zutraute.

Aus Wulffs Sicht hatte der Prozess somit einen Sinn. Fraglich ist, ob es von der Staatsanwaltschaft klug war, so exzessiv ein Exempel zu statuieren. Gewiss, Strafbehörden tun immer gut daran, jeden Eindruck zu vermeiden, einer wie Wulff werde geschont, während es kleinen Beamten gnadenlos an den Kragen geht, wenn sie nur eine Flasche Wein annehmen. Doch hätte die Staatsanwaltschaft die Größe haben müssen, die Ermittlungen frühzeitig einzustellen, als sie feststellte, dass da wenig war. Das hat sie nicht gemacht. So wurde der lange und teure Prozess immer mehr zur großen Farce. Für Wulff war der gestrige Tag ein guter Tag. Für die Justiz in Hannover nach den Ermittlungspannen im Fall Edathy erneut ein rabenschwarzer.