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Werbung mit Kindern
Kritik an Kindervermarktung im Netz

Kinder haben einen Anspruch darauf, gefragt zu werden, ob Fotos von ihnen im Internet erscheinen sollen.
Kinder haben einen Anspruch darauf, gefragt zu werden, ob Fotos von ihnen im Internet erscheinen sollen. FOTO: dpa-tmn / Rainer Holz
Berlin. Immer mehr Eltern verdienen Geld damit, das Leben ihrer Nachkommen zu Werbezwecken im Internet zu dokumentieren. Das Deutsche Kinderhilfswerk sieht darin eine Gefahr für die Persönlichkeitsrechte Minderjähriger. Von Ulrike von Leszczynski

Mama, Papa und die Handykamera sind immer dabei – beim Kindergeburtstag, auf dem Campingplatz oder beim Kuchenbacken. Durch Blogs und Videos auf Plattformen wie Youtube verfolgen hunderttausende Menschen im Internet, wie kleine Kinder aufwachsen. Dem Deutschen Kinderhilfswerk wird das Phänomen unheimlich. „Da geht es um Persönlichkeitsrechte, Privatsphäre und die Instrumentalisierung von Kindern“, sagt Luise Meergans, Bereichsleiterin für Kinderrechte und Bildung. Sie wünscht sich mehr Kontrollinstanzen – und mehr Verantwortungsbewusstsein bei Eltern.


Mit Mama- und Papablogs haben Eltern das Internet und die sozialen Netzwerke schon lange als Geschäftsfeld entdeckt. Je mehr Abonnenten sie haben, desto interessanter werden sie für die Werbeagenturen. Auch klassische Unternehmen nutzen Blogs und andere private Internetauftritte inzwischen gern für Werbung – beim sogennanten Product Placement zahlen Firmen Geld, um ihre Waren gezielt in Texten, Fotos und Videos zu plazieren. Influencer heißen Privatleute, die große Bekanntheit im Netz erreicht haben und deshalb interessant für Werbetreibende sind. Doch was ist, wenn Eltern ihre kleinen Kinder Bauklötze oder Knetgummi in die Kamera halten und für die Marken schwärmen lassen?

Rund 30 000 Influencer vertrieben in Deutschland inzwischen ihre Videos über Youtube, Facebook oder Instagram, sagt Thomas Krüger, Präsident des Kinderhilfswerks. Insgesamt lägen die Einnahmen daraus bei rund 560 Millionen Euro. Bis 2020 könne die Summe auf eine Milliarde Euro anwachsen. Zur Beteiligung von Kindern an dieser Art des Marketings existierten noch keine genauen Zahlen.



Strafbar sei das alles nicht. Doch Luise Meergans werde hellhörig, wenn Kinder die Hauptrolle spielen: Sechsjährige, die auf Youtube Spielzeug oder Apps testeten. Zehnjährige, die bei Snapchat Einblicke in ihre Freizeit gewährten. Und Vierzehnjährige, die auf
Instagram Mode- und Schminktipps gäben. „Kinder sind nicht mehr allein Rezipienten dieser Angebote, sie sind auch Akteure“, beobachtet Meergans. Ihr stelle sich die Frage, wie freiwillig das alles noch sei. Denn manche Eltern hätten ihre Jobs an den Nagel gehängt, um mit Internet-Angeboten rund um ihren Nachwuchs den Lebensunterhalt zu verdienen.

„Viele Eltern meinen das schon gut“, sagt Meergans. „Oder sie denken, ihr Kind werde berühmt. Und das wünscht sich eine Achtjährige ja vielleicht auch.“ Dennoch könne der Schutzgedanke dabei auf der Strecke bleiben. Da gehe es nicht allein um Filmaufnahmen im Badeanzug oder beim Aufwachen. „Die Länge und Häufigkeit mancher Auftritte ist schon eine Form von Kinderarbeit“, urteilt sie. Für Kinderschauspieler bei Filmen gebe es sehr genaue Regeln bis hin zur Zustimmung des Jugendamts. Bei Mutter und Vater hinter der Kamera gebe es dagegen keine Auflagen.

Meergans sieht auch die Betreiber von Internet-Plattformen in der Verantwortung, wenn Familien dort ein öffentliches Leben führen. „Auch die Anbieter verdienen damit Geld. Aber es gibt bisher keinen Meldemechanismus und keine Kontrollinstanz.“ Darüber hinaus sehe sie Regulierungsbedarf für Werbefirmen, die auf Influencer setzen.

Was Kinderschützer vor allem befürchten, ist ein Aufweichen des Schutzes Minderjähriger. „Schon Dreijährige wehren sich gegen Fotos und sagen: Mach das weg“, sagt Meergans. „Kinder haben auch ein ganz anderes Verständnis von Niedlichkeit und Peinlichkeit als Erwachsene.“ Doch in den meisten Fällen würden sie wahrscheinlich gar nicht gefragt, bevor ein Film mit ihnen im Netz lande. Kinder hätten einen Anspruch darauf, dass ihre Eltern sie fragen, ob sie das überhaupt wollen, betont Meergans.