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Das Denkmal Cromme wackelt

München. Siemens kehrt den Scherbenhaufen nach dem turbulenten Löscher-Aus zusammen. Dieser rudert zurück und will nun doch freiwillig weichen. Jetzt gerät Siemens Aufsichtsratschef Gerhard Cromme in die Kritik. Von SZ-MitarbeiterThomas Magenheim-Hörmann

Siemens dementiert. Keinesfalls habe der scheidende Konzernchef Peter Löscher einen freiwilligen Rückzug vom gleichzeitigen Rücktritt des Oberaufsehers Gerhard Cromme abhängig gemacht. Und er habe Cromme auch nicht unterstellt, der im Hintergrund agierende Rädelsführer an einem Komplott gegen ihn gewesen zu sein.

Kein neues Desaster

Solche Aussagen unterstellt die meist gut informierte "Süddeutsche Zeitung" dem ausgebooteten Konzernchef. Dieser geht nun via "Bild"-Zeitung auf Versöhnungskurs. "Es geht mir ausschließlich um das Wohl von Siemens und der 370 000 Siemensianer, die zurecht stolz auf ihr Unternehmen sind", erklärte er dort. Man dürfe das so verstehen, dass Löscher bei der morgigen Siemens-Aufsichtsratssitzung nun doch freiwillig geht, heißt es in seinem Umfeld. Er habe wohl eingesehen, bei einer Kampfabstimmung im von Cromme angeführten Aufsehergremium keine Chance zu haben, eine Zwei-Drittel-Mehrheit gegen sich zu verhindern. Damit kann bei Siemens ein Vorstandschef auch gegen seinen Willen abgelöst werden.

Klar ist, dass es in München nur noch darum geht, ein völliges Desaster zu vermeiden, bei dem unkontrolliert noch mehr Köpfe rollen. Denn unangefochten ist Cromme auch bei den Münchnern schon länger nicht mehr. Siemens-Belegschaftsaktionäre, Aktionärsschützer und Fondsmanager fordern bereits offen seinen Rücktritt. Sie kritisieren sein glückloses Krisenmanagement heftig.

Er hatte Löscher 2007 als ersten Konzernfremden an die Spitze von Siemens gebracht. "Löscher ist eine Erfindung Crommes", heißt es bei Siemens. Bis vor kurzem war das Duo durch eine Schicksalsgemeinschaft verbunden, die nun spektakulär zerbrochen ist. Der Aufsichtsratsvorsitz bei Siemens ist die letzte Machtbastion des 70-jährigen Urgesteins der deutschen Wirtschaft, seit Cromme bei Thyssen-Krupp im Frühjahr als Oberaufseher weichen musste.

Ein solcher Abgang soll sich in München nicht wiederholen. Jedenfalls nicht kurzfristig und in den Wirren des Löscher-Abgangs. Es sei Cromme an einem vernünftigen Abschied bei Siemens gelegen und nicht einem durch die Hintertür, heißt es in seinem Umfeld.

Fragwürdiges Verhalten

Ob er seine volle fünfjährige Amtszeit als Siemens-Oberaufseher bis 2018 noch zu Ende bringt, dafür will in München niemand die Hand ins Feuer legen. Aber Cromme will seinen Abgang selbst orchestrieren, nicht Getriebener sein. Denn sein Abschied in München wäre auch das Ende seines Berufslebens. Doch der Gründervater des deutschen Corporate-Covernance-Index, eines Regelwerks für ethisch einwandfreie Unternehmensführung, will nicht unter fragwürdigen Umständen sein letztes Mandat von Rang aufgeben.

In seiner Zeit bei Siemens hat er sich aber mehr als einmal fragwürdig verhalten. So lotste Cromme 2011 den damaligen Siemens-Vorstand Heinrich Hiesinger von der Isar nach Essen an die Spitze von Thyssen-Krupp. Nicht wenige sagen, wäre Hiesinger heute noch bei Siemens, würde er statt Finanzchef Joe Kaeser neuer Siemens-Vorstandsvorsitzender werden. Cromme bleibt wohl vor allem deshalb Siemens-Aufsichtsratschef, weil der Traditions-Konzern schon genug Unruhe im Haus hat und sich keine zweite Spitzenpersonalie leisten will.


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Zur PersonGerhard Cromme ist am 25. Februar 1943 im niedersächsischen Vechta geboren und galt zeitweise als einer der mächtigsten und durchsetzungsstärksten deutschen Manager. Das demonstrierte er beim Stahlkonzern Krupp. Damals setzte er unter anderem durch, dass das Kruppsche Hüttenwerk in Duisburg-Rheinhausen gegen jahrelangen massiven Widerstand geschlossen wurde. Mehr als 100 Jahre war dort Stahl gekocht worden.Im Siemens-Aufsichtsrat, dem er vorsitzt, konnte Cromme nicht das ganze Gremium hinter sich scharen. Drei prominente Aufseher haben dort dem Vernehmen nach massive Kritik an der Art und Weise des Abgangs von Peter Löscher als Siemens-Chef geübt. Das waren der Ex-Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, Allianz-Boss Michael Diekmann und Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller. Das Vorgehen sei unwürdig für einen Weltkonzern. tmh