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Das Beispiel Irak hält USA länger in Afghanistan

Washington. Barack Obama dreht an den afghanischen Stellschrauben. Entgegen früheren Blaupausen werden die Amerikaner ihre Truppenstärke am Hindukusch nun doch nicht bis Ende Dezember 2015 halbieren. Zumindest für den Rest des Jahres bleiben sie mit 9800 Soldaten, zunächst einmal, um der erwarteten Frühjahrsoffensive der Taliban Paroli zu bieten.Der Präsident nennt das nötige Flexibilität. Frank Herrmann

An seinem Plan, Ende 2016 bis auf ein paar hundert Mann das gesamte Kontingent nach Hause zu beordern, will er dagegen nicht rütteln. Auf Dauer, betont Obama, könne sich Kabul sowieso nicht auf fremdes Militär verlassen. Doch angesichts der Erfahrungen im Irak , wo dem Abzug der GIs der Aufstieg des "Islamischen Staats" folgte, wächst der Druck aufs Weiße Haus, auch die Rückzugspläne fürs nächste Jahr zu korrigieren.

Für Obama wird es ein Spagat, der ihn wohl noch bis zu seinem Abschied aus dem Amt begleitet. Einerseits versteht er sich als Chef eines Reparaturbetriebs, der alles Augenmerk auf den Aufschwung im eigenen Land richtet, nachdem die Finanzkrise und zwei kostspielige Kriege in der Ferne die USA schwer zurückgeworfen hatten. Den Einsatz in Afghanistan zu beenden, der mit rund einer Billion Dollar zu Buche schlägt, gehört zu den Eckpunkten dieser Agenda.

Andererseits hat ein Mann die politische Bühne Kabuls verlassen, der den sachlich-coolen Pragmatiker im Oval Office mit seinen theatralischen Auftritten zuletzt nur noch nervte. Mit Hamid Karsai, dem Liebling George W. Bushs, fand Obama nie eine gemeinsame Sprache. Bei Ashraf Ghani, Karsais Nachfolger, liegen die Dinge anders. Nicht nur, dass Ghani an der Columbia University studierte, bei der Weltbank in Washington arbeitete. Er versteht es auch, Töne anzuschlagen, die in Washington Wirkung hinterlassen.

"Afghanistan bittet die Vereinigten Staaten nicht, für uns den Job zu erledigen. Unser Endziel ist die Eigenständigkeit", versprach er in einem Essay, den er gemeinsam mit seinem Regierungschef Abdullah Abdullah in der Zeitung "Washington Post" veröffentlichte. Eine Verbeugung vor Obama. Zugleich stellten beide die strategische Schlüsselposition ihres Landes heraus, indem sie voller Pathos anmerkten, Afghanistan sei die "östliche Mauer, die dem Gemetzel des Islamischen Staats Einhalt gebietet". Eine Steilvorlage für die Republikaner. Ganz ähnlich klingt nämlich John Boehner , der Vorsitzene des Repräsentantenhauses, wenn er davor warnt, die IS-Fanatiker könnten in Afghanistan genauso erstarken, wie sie im Irak an Einfluss gewannen. Kein Wunder also, dass Boehner dem Gast den roten Teppich ausrollte, indem er ihn gestern vor beiden Kongress-Kammern reden ließ.

Allerdings gibt es noch konkretere Gründe, die Obama zu einem Sinneswandel bewogen. In Kandahar und Dschalalabad betreiben Pentagon und CIA zwei Stützpunkte, auf die sie bei Antiterroroperationen nicht verzichten wollen. In Dschalalabad waren 2011 die Navy Seals gestartet, bevor sie Osama Bin Ladens Versteck in Pakistan stürmten. Zudem dient die Basis als Drehscheibe für Drohnenangriffe in der Grenzregion Pakistans. Wolle man an der gegenwärtigen Antiterror-Strategie keine Abstriche machen, heißt es in Washington , dürften kaum weniger als zehntausend US-Soldaten am Hindukusch stationiert sein.