Das Archiv bleibt lukrativ

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Knapp fünf Jahre nach seinem Tod erscheint ein Album mit bisher unveröffentlichter, neu überarbeiteter Musik von Michael Jackson. Ein Fall von Totenkult-Kommerz? Oder finden sich unentdeckte Perlen?

Man kann es ganz pragmatisch sehen: Mit alten, bisher unveröffentlichten Aufnahmen eines toten Stars lässt sich meist gutes Geld verdienen - gerade etwa erweist sich Johnny Cashs Album "Out among the stars" als internationaler Hit. Wobei der Fall Michael Jackson ein besonderer ist: Kurz vor seinem Tod am 25. Juni 2009 war seine Karriere im Vergleich zu der "Thriller"-Ära der 80er merklich verblasst. Jüngere Alben hatten weder künstlerisch noch kommerziell alte Höhen erreicht. Der von seiner Plattenfirma ausgegebene und von der Presse wiedergekäute Slogan vom "King of Pop" klang zunehmend lächerlich.

Jacksons Tod im Alter von 50 Jahren hat das geändert: Die Plattenverkäufe zogen wieder an, Industrie und Medien verklärten Jackson zum Mythos, die verblassende Karriere konnte wieder strahlen, ohne dass die reale Person Jackson den Kult stören konnte. Die Firma Sony schloss mit Jacksons Nachlassverwaltern einen millionenschweren Vertrag, der zehn neue Alben mit bisher unveröffentlichtem Material vorsieht, das erste namens "Michael" erschien 2010. Seit Freitag nun steht "Xscape" in den Läden, mit acht bisher unveröffentlichten Nummern aus den 80ern und 90ern, die Sony kommerziell bewährten Produzenten wie Timbaland zur publikumswirksamen Überarbeitung überlassen hat. Sind hier unentdeckte Perlen zu finden? Nummern, bei denen man sich wundert, dass sie zu Lebzeiten auf keinem Album zu hören waren? Keineswegs - was aber nicht heißt, dass das Album ohne Reiz ist. Fans werden es mögen, da es eben typische Jackson-Nummern im üblichen, sehr bewährten Rahmen bietet: überwiegend flotte Stücke, vom fröhlichen Discosound der ersten Single "Love never felt so good" (im Original von 1983) bis zum von knochentrockenem Rhythmus getriebenen Soulpop des Titelstücks. Weder enttäuschend noch begeisternd sind diese aufpolierten Stücke. Wirklich interessant ist aber nur die Deluxe-Version der CD. Denn sie stellt den neuen Versionen die Originalfassungen gegenüber, manchmal rudimentäre Demo-Versionen, manchmal ausgefeilte Produktionen. Der Vergleich ist frappierend: "Do you know where your children are", das im Original mit den 80er-Jahre-Keyboards altbacken klingt, wird in der Neufassung zu einer düsteren, eckigen Electro-Tanznummer. Ansonsten aber wirken die meisten Überarbeitungen entweder überflüssig oder überproduziert: "Love never felt so good" etwa klingt im Original organischer, wärmer, weniger geglättet. Den größten Kontrast aber bietet "A place with no name", eine Abwandlung von Americas "A horse with no name". Im Original vergleichsweise spartanisch mit akustischer Gitarre arrangiert und somit das ungewöhnlichste Stück des Albums, wird es in der Neufassung zu einer Bombastnummer, deren etwas trampeliger Ryhthmus zudem Jacksons eigenes altes Stück "The way you make me feel" plagiiert. Hauptsache, es klingt neu und radiotauglich, scheint hier und beim gesamten Album die Intention zu sein. So wird es wohl bald weitergehen mit der Nachlassverwaltung.

Michael Jackson: Xscape (Erschienen bei Sony).

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