Damit Wirklichkeit herausblitzt

Damit Wirklichkeit herausblitzt

Er sagt, irgendwann habe er überlegt, das Logo der Bundesagentur für Arbeit auf die Plakate zu setzen. Als Sponsor neben dem Medienboard Berlin-Brandenburg, weil er als Filmemacher inzwischen von Hartz IV leben müsse. Er sagt es mit einer Spur Zynismus

Er sagt, irgendwann habe er überlegt, das Logo der Bundesagentur für Arbeit auf die Plakate zu setzen. Als Sponsor neben dem Medienboard Berlin-Brandenburg, weil er als Filmemacher inzwischen von Hartz IV leben müsse. Er sagt es mit einer Spur Zynismus. Als er im Frühjahr 2010 mit seinem Abschlussfilm an der Berliner HFF im Schneideraum saß, sei es ohne nicht mehr gegangen, sagt Andreas Kannengießer. Drei Jahre lagen hinter ihm, in denen die Beschäftigung mit "Vergiss dein Ende" kein Ende nahm. Das Budget (200 000 Euro) ging komplett in den Film, alle (auch die großen alten DEFA-Mimen Hannelore Krößner, Dieter Mann, Hermann Beyer) verzichteten auf Gagen.

Zu einer Zeit, als man schon mal ans Diplom denken konnte, begann er 2007 nach Drehbüchern zu suchen. Kurz darauf kam an der HFF "ein Kommilitone um die Ecke": Nico Woche, dessen Drehbuch ihn überzeugte. Sofort. Doch die Finanzierung trat auf der Stelle. Vor allem, weil die Hauptfiguren Hannelore und Günther (Krößner und Mann) ursprünglich nach Norwegen ausreißen sollten. Wer zahlt das?, hieß es dann. So wurde aus einer Fjordlandschaft Rügen, wo der 1978 im thüringischen Nordhausen geborene Regisseur aufwuchs. Die zweite, wesentlichere Drehbuch-Veränderung passierte erst beim Schnitt: das Auflösen des chronologischen Erzählflusses, wie das Drehbuch es noch vorsah, in Rückblenden und Parallelhandlungen. "Erst hat man 'ne halbe Stunde Pflegeszenen geguckt, ehe Hannelore abgehauen ist", sagt Kannengießer. Hannelore, ja Hannelore (Krößner): Weil sie mitmachen wollte, schlug sie ein anderes, viel größeres Projekt aus. Dass sie mit Hermann Beyer (im Film ihr demenzkranker Mann) verheiratet war, wusste Kannengießer nicht mal, als er sie besetzte. Für Eugen Krößner, beider Sohn, entschied er sich "vom Tisch weg" in dem Café, wo er ihn traf. Seine Mutter hatte ihn ins Spiel gebracht: "Kennste meenen Sohn?" So wurde es die erste gemeinsame Produktion der drei. "Ich finde es gut, wenn Wirklichkeit herausblitzt aus einem Film", sagt Kannengießer dazu. Tatsächlich sieht "Vergiss dein Ende", so langsam und konzentriert, wie er erzählt wird, auch wie ein später DEFA-Film aus. "Ein bisschen Retro", sagt Kannengießer. Gedreht auf Zelluloid. "Ich wusste, dass es das letzte Mal sein würde."

Letzte Woche sah er den fertigen Film (33 Drehtage) zum ersten Mal auf der Leinwand. In der HFF, erst mit der Produzentin, später nochmal mit dem Tonmischmeister. Und am Mittwochabend, Seite an Seite mit seinem bewährten Kameramann Stephan Fallucchi, hier auf der großen Kinoleinwand. Fallucchi sagt, "die Freiheit der Schauspieler" habe im Zentrum gestanden. Weil Kannengießer vom Dokumentarfilm kommt, wollte er "das Gefühl für den Augenblick" bewahren. Baute Improvisationsspielräume ein, weil er "keine Marken" setzen mochte, also keine genauen Positionsfestlegungen für jede Szene. Vielleicht erklärt es den Nachhall des Films, die Eindrücklichkeit seiner Einstellungen. Wobei der Regisseur seinen Part eher kleinredet. "Alle Gewerke arbeiteten hochprofessionell." Er habe dem Team "Sicherheit geben wollen". Als Regisseur sei er derjenige, der auffangen muss, "wenn andere sich vielleicht mal zu weit aus dem Fenster lehnen." Damit alle sich kontrolliert entfalten können? "Es bedeutet, Gespür zu haben für die Zutaten. Wie ein Koch", sagt Kannengießer, der mit einem zusammenwohnt. "Wer einkauft, hat eine Idee, wie es schmecken soll." Seine ging auf. Der Film schmeckt intensiv.