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Parteitag in Bonn
Da geht doch etwasfür die SPD

FOTO: Roby Lorenz / SZ
Dass das Ergebnis in Bonn so knapp war, kann für die SPD ein Segen sein. Und für die Union ein Fluch. Die Koalitionsverhandlungen stehen nun noch stärker unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch die SPD-Basis. Wenn auch nur ein, zwei größere Enttäuschungen aus SPD-Sicht dazukommen, kann alles schnell vorbei sein. Oder wenn Alexander Dobrindt noch ein, zwei Provokationen à la „Zwergenaufstand“ raushaut. Zwar wird die Union in den bevorstehenden Gesprächen keine grundsätzlichen Positionen mehr aufgeben. Da kann die SPD nicht hoffen. Aber dank Kevin Kühnert und den anderen Rebellen kann die SPD sehr selbstbewusst verhandeln. „Seht her“, kann sie sagen, „unsere Basis will diese Koalition zu großen Teilen nicht, wir machen es aus staatspolitischer Verantwortung. Da muss etwas rausspringen für uns.“ Das bringt Angela Merkel in die Defensive. Will sie die Koalition an den vom SPD-Parteitag geforderten moderaten Nachbesserungen beim Familiennachzug, bei der Honorarordnung für Ärzte und bei der Befristung von Arbeitsverträgen scheitern lassen? Dann hätte sie den schwarzen Peter. Von Werner Kolhoff

Hart am Wind segeln ist in der Politik richtig, nur darf man nicht havarieren. Dass die SPD in Bonn nicht gekentert ist, hat sie nicht ihrem Vorsitzenden Martin Schulz zu verdanken. Der hätte es fast vergeigt mit seinem Zickzackkurs, seiner schwachen Begründung für die neue Groko und vor allem mit seinem Liebäugeln mit einem Ministeramt. Auch etliche Führungsleute, darunter einige Parteivizes, haben nicht viel geholfen. Sie hatten nach den Sondierungen mit ihrem Gerede von Nachverhandlungen den Fokus zunächst mal wieder auf das halb leere Glas gerichtet, statt auf das halb volle. Das ist eine spezifische Art vor allem der Linken in der SPD, mit Machtdurst umzugehen. Sie nehmen nicht das, was sie kriegen können, sondern warten lieber auf den ganz großen Wurf. Bis die Zeit an ihnen vorbeigelaufen ist.



Es war gehöriger Druck von außen, der die Erkenntnis reifen ließ, dass Regierung nicht automatisch mit Selbstaufgabe einhergehen muss. Und dass umgekehrt ein Nein das innerparteiliche Chaos bedeutet hätte. Nicht zu reden von dem Chaos für das ganze Land. Den Ausschlag gaben die Wortmeldungen der Gewerkschaften und der Altvorderen sowie die Haltung jener Landesverbände, die noch an der Macht sind und sich Realismus bewahrt haben. Schließlich die Öffentlichkeit. Die letzte Umfrage vor der Entscheidung verhieß den Sozialdemokraten 18 Prozent. Bei einem Nein und Neuwahlen wäre das sicher nicht besser geworden. Auch die Angst trieb zur Vernunft.

Wenn hoffentlich bis Ostern alles vorbei ist, wenn auch der Koalitionsvertrag ausgepokert und ausgezittert ist und die Regierung endlich steht, dann muss die Partei den Blick nach vorn richten. Personell mit Andrea Nahles, die sich als die einzig Starke und Stabile in dieser Situation erwiesen hat. Martin Schulz ist nur noch ein Vorsitzender auf Abruf. Inhaltlich muss die SPD die nun gewonnene Zeit nutzen, ihr Profil zu schärfen. Und zwar nicht mehr nur innerparteilich, sondern auch in der Regierung, ganz öffentlich. Angela Merkels Zeit läuft ab, ihre Machtbasis zerrinnt – da geht doch was.