Chronik eines britischen Pechvogels

Chronik eines britischen Pechvogels

Evelyn Waughs Erstlingsroman „Verfall und Untergang“ von 1928 ist in einer Neuübersetzung erschienen. Bis heute gilt Waugh als Meister der spöttischen Chronik und ist berühmt für die treffende Überzeichnung seiner Figuren.

"Verfall und Untergang ": Im Grunde könnte jedes Buch des Autors Evelyn Waugh so heißen. Mit noch größerer Berechtigung etwa auch sein bekanntester Roman, "Wiedersehen mit Brideshead". Zwei Jahre nach Erscheinen seines melancholisch betitelten Erstlingsromans "Verfall und Untergang " konvertierte Waugh 1930 zum katholischen Glauben. Darin fand er einen Maßstab für seine pessimistische Sicht der Gesellschaft. Die eigene Zeit, die in ihm ihren konservativ-spöttischen Chronisten fand, musste Waugh im Abfall vom Glauben als Epoche des Niedergangs erscheinen. Und doch führt der Titel bei dem Roman-Erstling ein Stück weit in die Irre. Denn obwohl Paul Pennyfeather, der ziemlich passive Held des Buchs, dem alles immer nur zustößt, im Verlauf der Romanhandlung einiges zu erdulden hat - Tod und Untergang mutet ihm sein Schöpfer dann doch nicht zu.

Als junger Theologiestudent in Oxford wird Paul Opfer einer studentischen Ausschweifung und schuldlos von der Universität gewiesen. Sein Vormund nutzt die Gelegenheit, ihn auch gleich noch zu enterben. Als Hilfslehrer in einem Internat unterrichtet Paul dann mit anderen Verlegenheitspädagogen verzogene und pubertierende Bürschchen.

Bei einem Sportfest lernt er Margot kennen, die wohlhabende Mutter eines seiner Zöglinge. Als sich die beiden verloben, scheint sein Glück perfekt: Die Welt liegt "offen vor ihm da wie ein einziges Grandhotel", sein Weg ist vermeintlich "gesäumt mit Verbeugungen und Orchideen".

Doch der Wendepunkt lässt nicht lange auf sich warten. Als Paul am Tag der geplanten Hochzeit sein Glas "auf Fortuna, die Vielgeschmähte" erheben will, wird er verhaftet und kurz darauf zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Zuchthaus hält für den Pechvogel manche Prüfung bereit. Doch der Phlegmatiker Paul erlebt den Aufenthalt hinter Gittern ein Stück weit auch geradezu als "erholsam". Fühlt er sich dort doch aller Sorgen für sein Leben ledig und "frei". Margot gelingt es aber, ihm zur Freiheit zu verhelfen. Mit einer neuen Existenz kehrt Paul nach seiner Flucht nach Oxford zurück, um sein Studium fortzusetzen.

Von einigen Längen abgesehen ist der Roman ein einprägsames Sittengemälde, ein bunter Spiegel der englischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit. Vorzüglich ist Waugh, der bissige Kritiker der Dekadenz, in der bös karikierenden (Über-)Zeichnung seiner Figuren. Sein glänzender, stellenweise feuilletonistischer Stil, mit dem er eine ganze Generation von Schriftstellern und Journalisten prägte, half mit, seinem Oeuvre bis heute das Überdauern zu sichern.

Evelyn Waugh: Verfall und Untergang . Aus dem Englischen von Andrea Ott. Diogenes Verlag , 299 Seiten, 21,90 Euro.