Chef bedauert fristlose Kündigung

Chef bedauert fristlose Kündigung

Dortmund. Im Streit um die fristlose Kündigung einer Sekretärin, nachdem sie von einen Büffet zwei Brötchenhälften und eine Frikadelle gegessen hatte, schlägt der Arbeitgeber der Frau versöhnliche Töne an. Wie ein Sprecher des Baugewerbeverbandes Westfalen gestern in Dortmund mitteilte, sollen mit der 59 Jahre alten Sekretärin außergerichtliche Gespräche geführt werden. Das für den 14

Dortmund. Im Streit um die fristlose Kündigung einer Sekretärin, nachdem sie von einen Büffet zwei Brötchenhälften und eine Frikadelle gegessen hatte, schlägt der Arbeitgeber der Frau versöhnliche Töne an. Wie ein Sprecher des Baugewerbeverbandes Westfalen gestern in Dortmund mitteilte, sollen mit der 59 Jahre alten Sekretärin außergerichtliche Gespräche geführt werden. Das für den 14. Januar geplante Verfahren vor dem Arbeitsgericht solle dadurch überflüssig werden. Die seit 34 Jahren bei dem Verband beschäftigte Sekretärin hatte gegen ihre Entlassung geklagt. Vor einer Woche war ein Gütetermin zwischen den Parteien gescheitert. Der Fall hatte bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Nun bedauerte der Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbandes, Hermann Schulte-Hiltrop, in einem offenen Brief, dass die Entlassung der Frau "zu hart" gewesen sei. Dennoch betrachte man das Verhalten der Sekretärin als "Fehlverhalten" und "irreparablen Vertrauensverlust". Gleichwohl wolle man mit der Frau "eine sozialverträgliche Lösung" finden. Ein Termin sei bereits vereinbart. Gegenüber dem Internetportal "stern.de" erklärte Schulte-Hiltrop, dass die Kündigung aufrechterhalten werde solle. Die ehemalige Angestellte solle "in den Ruhestand" versetzt werden, sagte er. Wie der Hauptgeschäftsführer weiter ausführte, habe sich die Sekretärin nicht nur einmal an dem Büffet bedient, sondern dies sei "über Jahre so gelaufen". Der Bauverband habe regelmäßig Sitzungen von Ehrenamtsträgern, die dort den ganzen Tag kostenlos arbeiteten. Für diese werde mittags ein kleiner Imbiss vorbereitet, was die Sekretärin oft gemacht habe. Und obwohl die Imbisse nachher immer an die Mitarbeiter verteilt würden, habe sich die Sekretärin jahrelang schon vorher bedient, sagte Schulte-Hiltrop. Dies sei aber in der Vergangenheit geduldet worden, hatte die Frau Berichten zufolge vor dem Arbeitsgericht Dortmund geltend gemacht. In den vergangenen Monaten hatten Entlassungen wegen Bagatellschäden immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. So verlor unter anderem im Januar 2008 eine Berliner Supermarkt-Kassiererin wegen der angeblichen Unterschlagung zweier Pfandbons im Wert von 1,30 Euro ihren Job. Die Frau hatte zuvor 31 Jahre in dem Unternehmen gearbeitet. Überdies wurden im September 2008 zwei Mitarbeiter einer Bäckerei-Kette aus Bergkamen (Kreis Unna) fristlos entlassen. Sie hatten Brotaufstrich verzehrt und nicht bezahlt. ddp/afp Meinung

Kündigung für den Chef

Von SZ-RedakteurVolker Meyer zu Tittingdorf Zum ersten Mal entschuldigt sich ein Arbeitgeber für die fristlose Kündigung aufgrund eines Bagatelldelikts. Das öffentlich bekundete Bedauern gründet aber nicht in Einsicht, sondern ist allein den bundesweit negativen Schlagzeilen geschuldet. Der Chef will schließlich trotz der Welle der Empörung weiterhin an der Entlassung der Sekretärin festhalten - wegen "Diebstahls" einer Frikadelle und zweier halber Brötchen. Der Bauverband Westfalen fürchtet offenbar, auch bei einem Sieg vor Gericht als moralischer Verlierer dazustehen. Moralisch hat ein Vorgesetzter aber bereits verloren, wenn er die Kündigung wegen solch einer Lappalie ausspricht. Die Strafe mit dem Verlust des Arbeitsplatzes, ausgerechnet inmitten einer Wirtschaftskrise, steht in keinem Verhältnis zu dem vermeintlichen Vergehen. Wie einfach hätte sich der Fall mit einem klärenden Gespräch lösen lassen! Ein Chef, der dagegen sofort zur Kündigungs-Keule greift, offenbart eine erschreckende Unfähigkeit zur Mitarbeiterführung. Gehen sollte nicht die Sekretärin, sondern der Chef. Der Bauverband sollte ihn feuern.