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Bunt die Ballons, grau das Leben

Cannes. Schneller als einem lieb war, wurde man wieder in die Realität zurückgeworfen. Befand man sich gerade noch in der hinreißend bunten Fantasiewelt des Eröffnungsfilms "Up", katapultierte einen bereits der erste Wettbewerbsbeitrag "Spring Fever" in die chinesische Gegenwart in der Stadt Nanking Von SZ-Mitarbeiter Sascha Rettig

Cannes. Schneller als einem lieb war, wurde man wieder in die Realität zurückgeworfen. Befand man sich gerade noch in der hinreißend bunten Fantasiewelt des Eröffnungsfilms "Up", katapultierte einen bereits der erste Wettbewerbsbeitrag "Spring Fever" in die chinesische Gegenwart in der Stadt Nanking. Dort sieht zunächst eine nervöse Handkamera zwei Männern dabei zu, wie sie wild übereinander herfallen, bevor sich ein Mehr-ecksliebesdrama entwickelt. Das ist allerdings eher träge und bei weitem nicht so interessant wie die Entstehung des Films: Der musste heimlich gedreht werden, weil Regisseur Lou Ye nach seinem Studentenrevoltendrama "Summer Palace" 2006 in China ein fünfjähriges Arbeitsverbot erhielt.Deutlich eindrücklicher als "Spring Fever" war hingegen Andrea Arnolds britischer Wettbewerbsfilm "Fish Tank", obwohl dessen Themen im Kino schon oft behandelt wurden. Der Kamerablick über die Schultern der 15-jährigen Mia zeigt graue Sozialbauten, in denen Kinder zu schnell erwachsen werden müssen, der Umgangston so rau ist wie die Umgebung selbst. Doch nicht nur im Tanzen, sondern auch im neuen Liebhaber ihrer Mutter sieht das abgehärtete Teenagermädchen einen Ausweg, den kaputten Verhältnissen zu entkommen. Zwar geht "Fish Tank" trotz authentischer Darsteller die anfängliche Energie etwas verloren; doch glücklicherweise widersteht er, einfache Lösungen als Auswegsillusion zu verkaufen, wenn Mia am Ende doch den Absprung versucht und in der letzten Einstellung ein silbernes Luftballonherz über das Wohnsilo schwebt.Mit einem Luftballon gab man sich beim Eröffnungsfilm "Up" von den Kreativgenies der Disney-Animationsfirma Pixar hingegen nicht zufrieden: Zur Premiere stiegen am Palais gleich 15 000 in die Luft. In dem Animations-Meisterstück selbst sind es offensichtlich noch einige mehr gewesen. Schließlich müssen sie gleich das ganze Haus eines alten, grummeligen Mannes, für den Walther Matthau und Spencer Tracy Pate gestanden haben, durch die Luft tragen. Der 78 Jahre alte Carl ist ein ungewöhnlicher Held, der - unfreiwillig im Duo mit einem dicken, achtjährigen Boyscout - das große Abenteuer nachholen will, das er mit seiner Frau nicht mehr gemeinsam erleben konnte. Mit "Up" bestritt nicht nur erstmals ein Animationsfilm den Auftakt des Festivals. Er wurde auch noch in 3-D gezeigt, also in der neuen Technik, die derzeit als Rettung des Kinos beschworen wird. Auch wenn das Abenteuer keinesfalls auf die dritte Dimension angewiesen ist, zeigt der Film, wie sie intelligent und ohne vordergründige Effekte zum Einsatz kommen kann. Der schönste Cannes-Auftakt seit vielen, vielen Jahren.