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Borussias Auftakt-Gegner
Leverkusen kommt mit Hochgeschwindigkeit

Leon Bailey hat Borussia in der vergangenen Saison mehrmals wehgetan.
Leon Bailey hat Borussia in der vergangenen Saison mehrmals wehgetan. FOTO: dpa, mb
In der vergangenen Spielzeit machte Borussia Mönchengladbach keine guten Erfahrungen mit Bayer Leverkusen, das sich Platz fünf und die Europa- League-Teilnahme sicherte. Der Gegner im Check. Von Georg Amend

Trainer Heiko Herrlich und Borussia verbinden mehrere Episoden. 1993 wechselte der Stürmer von Bayer Leverkusen nach Gladbach und wurde dort in seiner zweiten Saison mit 20 Treffern Torschützenkönig der Liga. Vor Kurzem stellte der inzwischen 46-Jährige die Torjägerkanone, die er für diese Spielzeit bekommen hatte, Borussias Archivar Elmar Kreuels zur Verfügung, der sie im „Fohlenwelt“ genannten Borussia-Museum ausstellen wird. Herrlich erinnerte in diesem Zusammenhang an diese Spielzeit 1994/95, in der sich Borussia für den Uefa-Cup qualifizierte und den DFB-Pokal gewann: „Es war eine wunderbare Zeit und eine erfolgreiche Saison.“


Diese endete allerdings im Unfrieden: Herrlich wollte zu Borussia Dortmund wechseln und berief sich auf eine mündliche Zusage des damaligen Gladbacher Managers Rolf Rüssmann. Der Klub verweigerte aber die Freigabe, Herrlich wiederum das Training. Erst, nachdem sich Arbeitsgericht und Deutscher Fußball-Bund (DFB) eingeschaltet hatten und eine damals liga-interne Rekordablösesumme von elf Millionen D-Mark vereinbart worden war, durfte Herrlich wechseln – die Gladbacher Fans waren dennoch erbost.

In Dortmund blieb der Stürmer bis zu seinem Karriereende 2004 und überstand dort auch die schwere Erkrankung an einem Gehirntumor im Herbst 2000. Beim Revierklub begann im Anschluss an die Profilaufbahn auch die als Trainer, bis 2007 war er für den Nachwuchs der Altersklasse U 19 verantwortlich. Er wirkte im Anschluss noch in der Jugendabteilung des DFB, dann bei den Profis des VfL Bochum und der SpVgg Unterhaching. Als Jugendtrainer des FC Bayern München ging er zum SSV Jahn Regensburg, den er in die Dritte Liga führte, von dort verpflichtete Bayer 04 ihn zum Beginn der abgelaufenen Saison. In dieser kam er bereits zweimal als Gegner in den Borussia-Park, er siegte 5:1 im Ligaspiel und 1:0 im DFB-Pokal. In Erinnerung an seinen zweiten Auftritt in Gladbach ist noch die Schwalbe, zu der er sich an der Seitenlinie hinreißen ließ, nachdem Denis Zakaria ihn hauchzart touchiert hatte. Herrlich entschuldigte sich dafür umgehend.



Taktik In der vergangenen Saison ließ Herrlich sein Team meistens in einem 4-2-3-1-System spielen, er variierte aber auch gern. Generell versucht Bayer, über Tempo und schnelles Umschalten den Gegner zu überrumpeln und zu Torgelegenheiten zu kommen. Vor allem im Mittelfeld und auf den Außenbahnen verfügt Leverkusen über Spieler mit einer enorm hohen Geschwindigkeit.

Beste Spieler In Bernd Leno hat die Werkself einen Torhüter aus dem erweiterten Kader der deutschen Nationalmannschaft verloren, dafür aber in Lukas Hradecky von Eintracht Frankfurt die Nummer eins Finnlands verpflichtet. Schlechter ist Bayer auf dieser Position nicht geworden, Leno hatte zwar außergewöhnliche Reflexe auf der Linie, in puncto Strafraumbeherrschung ist sein Nachfolger aber noch stärker. Allerdings wird Hradecky das Spiel gegen Borussia verpassen, nachdem eine Weisheitszahn-OP beim DFB-Pokalsieger nicht nach Plan verlaufen ist. Für ihn wird Ramazan Özcan das Bayer-Tor hüten.

In der Abwehr ist Nationalspieler Jonathan Tah eine Bank, Tin Jedvaj hat mit Kroatien das WM-Finale erreicht, Sven Bender, Zwilling des Kapitäns Lars im Mittelfeld, ist die erfahrene Komponente in der Verteidigung. Dort können auf den Außenbahnen die technisch versierten und schnellen Wendell und Mitchell Weiser, Zugang von Hertha BSC Berlin, stark nach vorne spielen. In Mittelfeld und Angriff hat Herrlich ein Überangebot: Charles Aránguiz (verletzt) und Dominik Kohr sind robust und spielstark, Kai Havertz zudem noch torgefährlich. Der Angriff vereint in Leon Bailey, Julian Brandt, Paulinho (neu von Vasco da Gama), Karim Bellarabi, Kevin Volland, Lucas Alario und Isaac Kiese Thelin (ausgeliehen von RSC Anderlecht) Tempo und Technik. Bei der Auswahl müsste Herrlich fast schon mit einer Zweier-Abwehrreihe agieren, um das ganze Offensivpotenzial auf den Platz bringen zu können.

Letzte Aufeinandertreffen Das Hinspiel in Gladbach geriet zu einem der bittersten Auftritte Borussias in der vergangenen Saison: Sie führte nach einer der „besten Halbzeiten“, wie Hecking sagte, 1:0, hatte noch zahlreiche Gelegenheiten ausgelassen. In Hälfte zwei drehte aber Leverkusen vor allem durch den eingewechselten Brandt voll auf und gewann noch 5:1. Im DFB-Pokal-Achtelfinale hatte Borussia erneut Heimrecht, verlor aber nach einem Patzer von Reece Oxford 0:1 und schied aus. Das Rückspiel in der BayArena verloren die Gladbacher ebenfalls – 0:2.

Stärken Die Leverkusener machen fast alles in höchstem Tempo: Sie laufen den Gegner bei dessen Ballbesitz energisch an, schalten bei Ballgewinn rasant um und kommen mit den Außen, dem Mittelfeld und den Stürmern nach vorne. Paulinho könnte in dieser Saison der Überraschungsfaktor werden, der Bailey in der vergangenen Spielzeit war. In Thelin hat Bayer zudem einen Mittelstürmer mit Wucht geholt, die sonst nur Alario im Kader hat.

Schwächen Da gibt es nicht viele. Oft war Bayers mangelnde Konstanz ein Thema, aber da hat Herrlich zumindest in der Vorsaison Abhilfe geschaffen. Anfällig dürfte die Mannschaft aber weiterhin sein, wenn der Gegner seinerseits nach Balleroberung schnell umschaltet und Räume überbrückt, die die nachrückenden Leverkusener geöffnet haben. Auch bleibt abzuwarten, wie Hradeckys Ausfall aufgefangen wird und sich die recht junge Abwehr schlägt. In der Vorsaison tat sie das zumindest gut, die 44 Gegentore waren der fünftbeste Wert der Liga.