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NRW-Förster in Alarmbereitschaft
Die Borkenkäfer kommen in Massen

Es ist gutes Borkenkäfer-Wetter. Die Förster in NRW befürchten Schäden durch eine Massenvermehrung. Nur im Nationalpark Eifel fürchten sie ihn nicht. Hier schafft er Platz für Neues.

Sönke Twietmeyer entgeht beim Streifzug durch den Nationalpark Eifel nichts: Nicht der winzige, skelettierte Unterkiefer einer Waldmaus, nicht der Nachwuchs einer Erdkröte und auch nicht der fleißige Borkenkäfer. Der hat sich durch die Rinde der Fichte gebohrt und baut dahinter eine Rammelkammer - den zentralen Teil eines Brutsystems. Der Tierkundler hat das Bohrloch entdeckt und die Baumrinde an der Stelle mit einer Art kleiner Handmachete abgekratzt. Seit Wochen hat der Borkenkäfer optimale Brutbedingungen - überall in Nordrhein-Westfalen.


„Es ist zu befürchten, dass es zu einer Massenvermehrung kommt“, sagt Sprecher Friedrich Louen vom Landesbetrieb Wald und Holz NRW. Bei heißem und trockenen Wetter vermehren sich die Käfer schneller: Statt der üblichen zwei Generationen, rechnen die Forstleute jetzt mit einer dritten Generation. Ein einziges Weibchen kann über drei Generationen mehr als 100.000 Nachkommen erzeugen.

Bei den von Hitze und Trockenheit gestressten Fichten haben die Massen leichtes Spiel: Die Bäume sondern nicht mehr genügend Harz ab, um den Angreifer zu verkleben und damit zu vernichten. Ende August, wenn die dritte Generation aus der Baumrinde ausfliegt, werde man die Massen auch sehen können, meint Louen. Nächstes Jahr würden sich die überwinternden Tiere dann wieder massenhaft vermehren. Die Schädlinge können Bäume zum Absterben bringen.



Landesweit sind die Förster in Alarmbereitschaft und laufen Patrouille: Sie suchen nach den kleinsten Spuren des Schädlings: Einen Hauch Bohrmehl etwa. Die Männchen bohren sich ja durch die Rinde, um das Brutzentrum anzulegen. Harz kann ein Anzeiger dafür sein oder die Hack-Spuren des Spechts, der die Larven pickt. Wenn der Käfer in der Rinde sitzt, handeln die Förster im Wirtschaftswald: „Befallene Bäume werden gefällt, bevor die nächste Generation als Käfer ausfliegt“, erläutert Louen. Normalerweise.

Im Nationalpark Eifel ticken die Uhren anders. Den Borkenkäfer verstehen sie hier als Helfer: Noch besteht etwa die Hälfte des Schutzgebietes aus Nadelbäumen. Ziel ist aber die Entwicklung zum Buchenwald, wie hier oberhalb des Rursees - auch wenn es mittendrin noch Fichteninseln gibt. In dem Bereich, wo Twietmeyer den Borkenkäfer in der Rammelkammer freilegt, sind die Fichten dem Tode nah. Braun rieseln die Nadeln. An einigen Stämmen sitzt schon der Pilz - so was wie der Todesbote.

„Hier würden wir darauf vertrauen, dass die irgendwann mal umkippen“, sagt der Zoologe. Beim nächsten kräftigen Wind vielleicht. Der Borkenkäfer werde das aber schneller und gründlicher erledigen.

Was er damit meint, zeigt er nach dem Ortswechsel in eine andere Fichteninsel, die den Namen eigentlich nicht mehr verdient. Es sind Baum-Skelette - teilweise abgeknickt wie Streichhölzer. Totholz. Schon vor einigen Jahren hat der Borkenkäfer ganze Arbeit geleistet. Im Wirtschaftswald ein Desaster.

An dieser Stelle im Nationalpark ein Glücksfall. Der Borkenkäfer hat Platz geschaffen für Buche und Birke, die als Pioniere für den neuen Wald nachwachsen. Die Natur hat das Thema Fichte hier in Eigenregie erledigt. „Das ist das, was den Nationalpark voranbringt und die gesamte Entwicklung beschleunigt“, sagt Twietmeyer.

(see/dpa)