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Böse Banker mit Bestseller-Potential

Mit seinem neuen Roman hat der renommierte Autor Martin Suter eine Mischung aus Wirtschaftskrimi und Liebesroman geschrieben. Klischees und Übertreibungen verzeiht man ihm bei der hohen Spannungskurve gern – bis zum Schluss. Welf Grombacher

Los geht alles mit dem Tod eines Brokers. Der Mann stürzt aus dem Halb-Sechs-Uhr-Intercity nach Basel. Hat er sich das Leben genommen? Wurde er gestoßen? Videojournalist Jonas Brand sitzt zufällig im selben Abteil und dreht ein paar Sequenzen. Ob er sie dem Vorabendmagazin verkaufen kann, für das er arbeitet, weiß er nicht. Viel lieber würde er einen großen Spielfilm machen mit dem Arbeitstitel "Montecristo". Wieder daheim, vergisst er die Story aus dem Zug deswegen erstmal.

Abends lernt er bei einer Filmpremiere die attraktive Event-Managerin Marina Ruiz kennen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Die beiden kochen zusammen, verbringen gemeinsam die Nächte. Bei einem Restaurantbesuch mit ihr bekommt er eine Banknote in die Hand, deren Seriennummer identisch ist mit der des Scheins, den er am Abend aus dem Geldscheinautomat gezogen hat. Am nächsten Morgen bringt er die Scheine in seine Bank, weil er einen für eine Fälschung hält. Doch der Kundenberater bescheinigt beiden, echt zu sein. So was passiere mal, will er ihn glauben machen und schickt ihn mit den Worten heim, er solle die "Sammlerstücke" gut aufbewahren. Doch Jonas fängt an zu recherchieren. Kurz darauf wird bei ihm eingebrochen, er wird auf der Straße ausgeraubt. Auf einmal wird sein seit Jahren abgewiesenes Filmprojekt gefördert. Von einem Moviefonds, an dem seine Hausbank Anteile hält. Zufall? Oder will ihn jemand von seinen Recherchen in der Banknotensache ablenken? Immer mysteriösere Dinge passieren. Was tun? Den lange ersehnten Spielfilm drehen oder weiterrecherchieren, weil sich anscheinend eine große Story hinter den Machenschaften der Bank verbirgt?

Bevor der Schweizer Bestseller-Autor Martin Suter mit dem Schreiben anfing, hat er als Creative Direktor der Werbeagentur GGK und in seiner eigenen Agentur viel mit Managern und Bankern zu tun gehabt - er weiß, wie sie ticken. Das hat er in seinen preisgekrönten Business-Class-Kolumnen oft genug bewiesen und auch in seinem neuen Roman "Montecristo" kommt ihm das zugute. Seit einem Jahr lebt Martin Suter nach Jahren in Guatemala und auf Ibiza wieder in Zürich. Was läge da näher, als das neue Buch im Banker-Milieu spielen zu lassen? Dort stellt sich für Journalist Jonas bald heraus, dass der tote Broker sich verspekuliert und seiner Bank Milliardenverluste beschert hat. Wurden zum Kaschieren der negativen Zahlen Banknoten mit doppelten Seriennummern gedruckt? Wusste gar die Nationalbank davon? Die bösen Banker also mal wieder.

Am Ende trägt Martin Suter ein bisschen zu dick auf. Auch die Liebesgeschichte zwischen Jonas und Marina, die immer wieder im kleinen Schwarzen und auf High Heels durch den Roman wackelt, kommt recht klischeehaft daher. Doch das sieht man dem Schriftsteller gerne nach, so spannend ist die Handlung. Obwohl die Zusammenhänge schnell klar sind, hält er die Spannung aufrecht bis zum Schluss.

Seit "Small World" (1997) hat es der 1948 in Zürich geborene Suter immer wieder geschafft, auf den Bestsellerlisten zu landen ("Die dunkle Seite des Mondes", "Ein perfekter Freund"). Wenige schreiben so flüssig und beherrschen den dramatischen Aufbau einer Geschichte so exzellent wie dieser Mann. Martin Suter : "Montecristo". 320 Seiten, Diogenes Verlag . 23,90 Euro.