Bloß nicht einlullen lassen

Bloß nicht einlullen lassen

In „Der blinde Fleck“ spielt Benno Fürmann die Hauptrolle: Als wacher Journalist spürt er – wie das reale Vorbild Ulrich Chaussy – den Hintergründen des Münchner Oktoberfest-Attentats nach. Welche Tücken sein Beruf hat und warum es für Fürmann wichtig ist, auch privat möglichst wach zu bleiben, erklärte er SZ-Redakteurin Sophia Schülke im Interview.

Als Kind wollten Sie Krisenreporter werden - wie haben Sie sich auf die Rolle dieses realen Politikjournalisten vorbereitet?

Fürmann: Ich habe viel mit Uli, mit Ulrich Chaussy, gesprochen. Investigativer Journalismus ähnelt der Arbeit eines Kommissars. Es geht darum, das menschliche Gehirn lange Zeit auf ein Thema einzutunen, festzustellen, dass Puzzlestücke nicht zusammenpassen, und die Mechanismen dahinter zu untersuchen: Wer hat hier an was Interesse? Da war Uli sehr inspirierend. Ich ziehe meinen Hut davor, wie jemand über drei Jahrzehnte Demokratie einfordert und sagt "So kann es nicht gewesen sein, das glaube ich nicht." Ich habe versucht, meinen Resonanzraum als Schauspieler zur Verfügung zu stellen und meine Filmfigur zu spielen, die Uli nicht imitiert, sondern ihn zum Vorbild hat.

Im Film riskiert der Journalist fast seine Ehe - wie kann es sein, dass Beruf oder Hobby eine soziale Beziehung bedrohen?

Fürmann: Ich glaube, dass wir als soziale und egoistische Tiere möglichst viel von dem wollen, was wir im Gegenüber sehen. Man meint, man habe einen persönlichen Anspruch auf den Partner. Zum anderen glaube ich, Frauen haben mindestens ebensoviel Beschützerinstinkt, wie er immer Männern nachgesagt wird. Die Frau von Uli im Film ist besorgt, sie merkt, sie kommt an ihn nicht mehr ran. Sie möchte ihn beschützen und ihn zurückholen, weil er langsam hysterisch wird. Frauen haben auch gerne Kontrolle über eine Beziehung.

Hat Ihr Beruf schon einmal eine soziale Beziehung bedroht?

Fürmann: Ja. Ich finde das problematisch.

Merken Sie das dann nicht?

Fürmann: Doch, ich merke, wie schwierig es für eine Frau ist, damit klarzukommen, dass sie als "Frau von" fungiert. Da kann man das Gegenüber verstehen, das sagt: Ich hätte gerne mehr von Dir. Auch wenn ich das so noch nicht erlebt habe. Das größere Problem ist, dass man Monate unterwegs ist oder von einem Arbeitstag kommt, wo man teilweise so absurde Sachen macht, die man der Partnerin nicht in einem Satz erzählen kann. Für einen Partner ist der Umgang mit den Befindlichkeiten und dem emotionalen Auf und Ab schwierig.

Wie steuern Sie dagegen?

Fürmann: Ich versuche, möglichst schnell runter zu kommen. Und anwesend zu sein und nicht noch woanders zu sein. Das ist leichter gesagt als getan. Denn es gibt Momente, in denen ich mehr geben will, aber in denen mein Kopf und mein Gefühl noch auf einer anderen Baustelle sind.

Sie haben mal gesagt, die nächsten 40 Jahre nur Schauspieler zu sein, wäre ein Albtraum. Und: Sie versuchen die "Blase" dieses Berufes ab und an zu verlassen. Was sind Ihre Strategien dafür?

Fürmann: Die einzige Strategie ist, mir selbst treu zu bleiben. Und Schritt für Schritt zu gehen. Wohin mich die Schritte führen, weiß ich nicht. Ich arbeite gerne in meinem Beruf. Aber es würde mich killen, zu wissen, ich mache das den Rest meines Lebens. Mich würde es auch killen, zu wissen, mein ganzes Leben nur in meiner Wohnung zu wohnen, so sehr ich sie liebe. Ich bin neugierig und hoffe auf Überraschungen. Natürlich freue ich mich, wenn sie angenehm sind.

Sie sagten, Sie wollen Schritt für Schritt gehen. Woran merken Sie, dass es der richtige Weg ist - oder ein Umweg?

Fürmann: Das merkt man nicht sofort. Aber den Umweg erkennt man, wenn man erregter ist als sonst und nicht eingedämmert durch den Alltag scharwenzelt. Ich glaube, unsere Antennen sagen uns viel. Es kann trotzdem sein, dass man Fehler macht, aber wenn man wach und bei sich ist, kann man sich selbst ganz gut vertrauen. Irgendwann merkst du, ein Mann, eine Frau, eine Lebenssituation oder ein Beruf tun dir nicht gut. Da gehen irgendwann die Antennen an - wenn wir uns nicht die ganze Zeit eindämmern und einlullen lassen.

Sich berieseln zu lassen sehen Sie als Problem?

Fürmann: Ja. Das hat aber auch mit einer Kultivierung des Wachseins zu tun. Man ist ja eingelullt, man quasselt, man redet von morgen, man redet von gestern, dann guckt man 'nen Film, danach liest man ein Buch. Und irgendwann ist man so voll von Allem, dass man kein Gefühl mehr für sich selbst hat.

"Der blinde Fleck" läuft heute um 10 Uhr im Cinestar 3 und am Sonntag, 20.15 Uhr, im CS 1.

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