Bloß keine Revolution

Bloß keine Revolution

Saarbrücken. Die Anmoderation eines nicht unpopulären Solisten in seinem Vorprogramm missbrauchte Till Brönner einmal für die Frage an sein Publikum, ob es ihn an diesem Platz denn gut sehen könne, wenn er nachher wiederkäme. Brönner will gesehen werden. Deswegen geht er als Casting-Show-Juror ins Privatfernsehen, deswegen pflegt er seinen Chic, seine Marketingmaschine

Saarbrücken. Die Anmoderation eines nicht unpopulären Solisten in seinem Vorprogramm missbrauchte Till Brönner einmal für die Frage an sein Publikum, ob es ihn an diesem Platz denn gut sehen könne, wenn er nachher wiederkäme. Brönner will gesehen werden. Deswegen geht er als Casting-Show-Juror ins Privatfernsehen, deswegen pflegt er seinen Chic, seine Marketingmaschine. Das alles ist genauso kalkuliert wie seine Musik, die den Jazztrompeter in die Charts geführt hat. Und weil es für Promis einen Verhaltensherdentrieb zu geben scheint, muss die erstaunliche Erfolgsgeschichte des Jungen aus Viersen nun auch zwischen zwei Buchdeckel.

Als Ghostwriter bewarb sich Claudius Seidl, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Man stieg ins Boot, schipperte über die Havel, "durchs preußische Arkadien", ließ das Band laufen, von dem dann dieses Buch getippt wurde.

Man wollte "einen gemeinsamen Rhythmus finden" und sich die Zeit nehmen, "ein paar Themen anzuspielen". Man wollte es leicht und luftig. Dass es dann so belanglos wurde, ist des Gutgemeinten viel zu viel. Brönner hat sich mit diesem Buch keinen Gefallen getan. Auf liebedienernde Fragen folgen dünne, selbstgefällige, selten etwas erhellende Antworten. Man liest smartes Plapperlapapp. Wo es mal polemisch wird, dominiert ein nervend indignierter Rechtfertigungston, weil es doch tatsächlich vorkommt, dass nicht alle Brönner mögen. Wo sind das lässig-unaufgeregte Entertainment, der gediegene Ton seiner Konzerte? Es sind vor allem die boulevardesken Fragen, die den Blick auf Wesentliches verstellen.

Till Brönner mit Claudius Seidl: Talking Jazz. Kiepenheuer & Witsch. 212 S., 18,95 €

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