Blendende Fassaden, erweiterte Blicke

Blendende Fassaden, erweiterte Blicke

Saarbrücken. Nichts bringt die Marketingmanie des Interimsvorstands der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz deutlicher zum Ausdruck als seine Neigung zu Superlativen. Man ahnte insoweit, dass Meinrad Maria Grewenig einem den Fotografen Roland Fischer bei der Pressekonferenz in der Modernen Galerie als "Künstler von Weltformat" verkaufen würde

Saarbrücken. Nichts bringt die Marketingmanie des Interimsvorstands der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz deutlicher zum Ausdruck als seine Neigung zu Superlativen. Man ahnte insoweit, dass Meinrad Maria Grewenig einem den Fotografen Roland Fischer bei der Pressekonferenz in der Modernen Galerie als "Künstler von Weltformat" verkaufen würde. Bei aller Grewenig'schen Suggestionsgabe: "Einer der wichtigsten Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts" ist Fischer wahrlich nicht. Dass wir es indes mit einem außerordentlichen Fotografen zu tun haben, daran lässt die Saarbrücker Fischer-Retrospektive, die Sonntagfrüh eröffnet wird, keinen Zweifel.Auf 2400 Quadratmetern breitet sie - verteilt über die kompletten drei alten, zweigeschossigen Schönecker'schen Sammlungspavillons - unter dem Titel "New Photography" sieben Fotoserien Fischers aus gut 25 Jahren aus. Dass damit erstmals (bis auf den aufgrund der Bauarbeiten als Restaurierungswerkstatt umgenutzten Wechselausstellungspavillon) die gesamte Fläche der drei Pavillons für eine monografische Schau genutzt wird, setzt zugleich Maßstäbe für die Zukunft. Die großzügige Hängung erweist sich im Falle Fischers als Glücksfall, da sie seinen Großformaten den nötigen Resonanzraum gibt, die Serien saalweise zu gruppieren vermag und dabei die ästhetisch immer noch bezwingende Formstrenge der Schönecker-Architektur mit Fischers konzeptuellem Purismus auf das Trefflichste korrespondiert. Das Entscheidende aber ist: Die Konzentration auf eine künstlerische Position offenbart das bis dato eher ungehobene, beträchtliche Potenzial der Modernen Galerie auch für Nicht-Sammlungszwecke.

Aber genug der Vorreden: Ein Vergleich von Fischers in die 80er zurückreichenden Kopf-Porträts von Nonnen und Mönchen - 1990 bereits im Saarlandmuseum ausgestellt und 22 Jahre später nun Auftakt seiner bis dato umfänglichsten Einzelschau - mit den späteren Arbeiten zeigt, wie sehr sich sein Formenspektrum erweitert hat. Bereits in seiner 1993 in Los Angeles entstandenen Pool-Serie von Frauen, die er bis zu den Schultern in türkisfarbenes (oder eingeschwärztes) Wasser eintauchen ließ, dessen grelle Künstlichkeit ihre statuarisch anmutenden Gesichter in äußerster Schärfe herauspräpariert und sie vermittels dieser Reduktion Studierobjekten gleich ins Überindividuelle rückt, gewann Fischers Fotografie merklich an Abstraktionskraft. Wobei das Wiederaufgreifen dieses Prinzips in den "Chinese Pool Portaits" von 2007 nichts mehr hinzufügt. Außer, dass man sie anders als die L.A. Portraits mangels Outdoor-Pools in Shanghai und Peking im Studio nachbaute und das weiche kalifornische Licht in China von dem Fischer assistierenden Lichtmeister des Regisseurs Wong Kar-Wai nachgestellt wurde.

Während Fischers Porträtfotografie, denkt man etwa an die auf ganz ähnliche Weise mit schierer Größe und extremer Schärfe blendende von Thomas Ruff, das künstlerisch Solitäre im Grunde fehlt, so erweitert die ausgeklügelte Überblendungstechnik seiner exzellenten "Cathedrals and Palaces"-Serie die Grenzen der Fotokunst mit den Mitteln der Digitaltechnik. Fassadenbilder gotischer Kathedralen legen sich dabei über Ansichten ihrer hallenartigen Raumstruktur im Inneren, als wolle Fischer damit die Totalität eines Sehens begründen, die das Innere mit dem Äußeren vermählt und so neue Wahrnehmungsräume kreiert. Analog projiziert seine gleichfalls 2012 entstandene Serie "New Architectures" leicht verschobene Architekturperspektiven auf eine Weise ineinander, als nehme er Anleihen bei Kubismus oder Dekonstruktivismus. Indem Roland Fischers Transformationen von Ansichten wichtiger Ikunabeln der modernen Architekturgeschichte ausgehen (Frank Lloyd Wright Guggenheim Museum etwa oder Le Corbusiers Villa Savoye oder Oskar Niermeyers Brasilia) reflektieren sie nebenbei prägende Bauformen.

Dass er in seiner abstrahierenden Architekturfotografie sein wahres Element gefunden zu haben scheint, belegt zuletzt auch die seit 2006 verfolgte "Façades"-Werkgruppe, in der er (überwiegend) die Oberflächentextur der Globalisierung abbildet - in Form überdimensionaler Fassadendetails von Banken- oder Konzernzentralen, die diese heutigen Trutzburgen des Kapitalismus in graphischer Verfremdung (und in blendender Verfassung) zeigen, als wäre es konkrete Malerei.

Eröffnung am Sonntag um elf Uhr. Zu sehen bis 4. November.

Neue Öffnungszeiten: Mo bis So: 10-19 Uhr, Mi: 10-20 Uhr.

Neuer Eintrittspreise: 7 Euro/ermäßigt 5 Euro, Kinder und Jugendliche 2 Euro. Dienstag für alle ab 15 Uhr Eintritt frei.

Auf einen Blick

Wer die Mono-Ausstellungen der Nachbarländer besuchen möchte, kann erstens einen günstigen Museumspass erwerben und zweitens die kostenlosen Shuttle-Busse benutzen, die von Juni bis August zu bestimmten Terminen ab Saarbrücken, ab Luxemburg und ab Metz zu den 15 beteiligten Museen fahren. In jedem Shuttle-Bus wird ein Reiseführer die Besucher begleiten und informieren. In den Kulturinstitutionen, die am jeweiligen Tag angefahren werden, erwartet die Besucher eine ebenfalls kostenfreie Führung. Gezahlt werden muss nur der jeweilige Eintrittspreis.

Am 23. und 28. Juni geht es ab Saarbrücken (Abfahrt an der Schlossmauer) zu Ausstellungsorten in Luxemburg. Am 30. Juni und am 4. August fahren Busse nach Lothringen. red

Da die Plätze begrenzt sind, ist eine Anmeldung erforderlich unter Tel. (00 800) 57 00 10 57 oder per e-Mail: bus@mono2012.eu. Alle Termine unter www.2012.eu