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Bewegendes Kinderschicksal

Ihr Buch erzählt von einem 11-jährigen Sohn einer kommunistischen saarländischen Familie, der 1933 von einem deutsch-russischen Journalisten-Paar mit nach Moskau genommen und dort zum Vorzeige-Pionier, zum Star wird, um später im stalinistischen Lager zu landen. Eine unglaubliche, aber historisch verbürgte Geschichte

Ihr Buch erzählt von einem 11-jährigen Sohn einer kommunistischen saarländischen Familie, der 1933 von einem deutsch-russischen Journalisten-Paar mit nach Moskau genommen und dort zum Vorzeige-Pionier, zum Star wird, um später im stalinistischen Lager zu landen. Eine unglaubliche, aber historisch verbürgte Geschichte. Wie haben Sie sie entdeckt?Brenner: Als ich 2007 meine große Walther-Rathenau-Biografie abgeschlossen hatte, suchte ich ein Thema. Irgendwann stieß ich in dem berühmten Buch von Wolfgang Leonhard "Die Revolution entlässt ihre Kinder" auf eine eigentümlich Episode, nämlich dass Leonhard 1941 in Karaganda (in der kasachischen Steppe, unter Stalin Verbannungsort, Anm. d. Red.), einen zerlumpten Jungen trifft, den er aus der deutschen Schule in Moskau kennt und der aus dem Saarland kommt. Das hat mich als Saarländer natürlich sehr beschäftigt. Ich fand heraus, dass der Junge Hubert L'Hoste hieß, Sohn einer kommunistischen Familie war und aus Oberlinxweiler stammt, ich bin in Sotzweiler aufgewachsen, also fast ein Nachbarort. Ich fing an zu recherchieren, und merkte schnell, dass das mehr ist als eine Emigrantengeschichte.


Inwiefern?



Brenner: Es ist eine Geschichte, die ganz stark ins Zentrum der Historie geht, denn da wird ja ein kleiner Junge zerrieben zwischen den totalitären Systemen. Und es geht um die Wurzeln des Saarlandes. Denn wenn man nicht weiß, was sich 1933/34 im Saargebiet abspielte, nämlich der Abstimmungskampf, kann man nicht verstehen: Warum ist eine Familie bereit, ihren Jungen ins ferne Moskau zu schicken? Für mich die zentrale erzählerische Frage.

Sie konnten sich auf ein paar Quellen stützen. Maria Osten, die KP-Journalistin, die den Jungen mitnahm, hat 1935 über die erste Zeit in Moskau das Buch "Hubert im Wunderland" veröffentlicht. Sie berufen sich auf die Osten-Biografie "Transit Moskau" von 1998. Wie schwierig war die Recherche?

Brenner: Ich habe fünf Jahre recherchiert. Es war schon sehr schwierig, an Ostens Buch heranzukommen. Das Ganze war ja ein kalkuliertes Projekt ihres Partners, eines Prawda-Journalisten. Hubert sollte als Propaganda-Vehikel dienen gegen den Nationalsozialismus. Um seine Familiengeschichte aufzuarbeiten, bin ich nach Oberlinxweiler gefahren.. Mein großes Glück war, dass ich Huberts Schwester Anneliese, die letzte Überlebende der Familie L'Hoste, in Frankreich traf, sie konnte einiges zurechtrücken.

Ihr Buch geht auch auf die Geschichte, des Saarabstimmungskampfes, des Spanischen Bürgerkriegs, der Stalinzeit ein. . .

Brenner: Die Verknüpfung von großer und kleiner Geschichte war das Problem. Ich bin mit dem Buch jahrelang bei Verlagen hausieren gegangen. Die einen wollten nicht, dass ich eine regionale Geschichte erzähle, die anderen nicht, dass ich so eine großpolitische Erscheinung wie Stalinismus aus der Perspektive eines kleinen Jungen erzähle. Bei einem regionalen Verlag hat es bessere Chancen, Leser zu finden.

Lesung: Heute, 20 Uhr im Künstlerhaus in Saarbrücken.

Foto: Julia Zimmermann