Bestandslust

Bestandslust

Saarbrücken. Flachware auszustellen, ist kein leichtes Geschäft. Das wissen Archivleute heute auch. Hinter Glas aufgebahrte Bücher, Briefe oder Manuskripte sind mäßig aufregend. Normalerweise. Dass das im Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass diesmal partiell anders ist, hat einen Grund. Die Vitrinen sind nicht derart vollgestopft, dass man von vorneherein kapituliert

Saarbrücken. Flachware auszustellen, ist kein leichtes Geschäft. Das wissen Archivleute heute auch. Hinter Glas aufgebahrte Bücher, Briefe oder Manuskripte sind mäßig aufregend. Normalerweise. Dass das im Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass diesmal partiell anders ist, hat einen Grund. Die Vitrinen sind nicht derart vollgestopft, dass man von vorneherein kapituliert. Hier liegen in keiner mehr als ein oder zwei Briefe oder Typoskripte, sodass der Besucher gerne die Mühe unternimmt, zu entziffern. Weniger ist mehr, das gilt auch hier.Es ist die erste Ausstellung, für die der seit Mai amtierende neue Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass, Sikander Singh, verantwortlich zeichnet. Der Raum ist zwar der alte und so gesichtslos wie eh und je. Auch setzt Singh wie gehabt ganz auf Vitrinen. Wobei ihm schon konservatorisch wenig anderes übrig bleibt. Umso reicher wird sein Prinzip Sparsamkeit durch äußerste Konzentration belohnt. Jedes Exponat hat seinen Resonanzraum. Die Schau ist als Portfolio des Archivs angelegt und will künftige wichtige Arbeitsschwerpunkte anhand erlesener Einzelstücke illustrieren: die 2013 geplante Herausgabe eines Briefbandes im Rahmen der Gustav-Regler-Ausgabe repräsentiert etwa eine Korrespondenz mit Marieluise Vogeler, in der Regler ihr von seiner "phantastisch unaufgeräumten Wohnung" Kunde gibt. Das im Saarland gerade mit Blick auf die Jahre 1933-35 äußerst ergiebige Thema Exilliteratur, das Singh vertiefen will, reißt ein Brief Heinrich Manns an Regler an. Zwei Vitrinen legen Spuren Norbert Jacques' aus, dessen Erzählungen der nächste Band der Editionsreihe "Sammlung Bücherturm" gewidmet wird.

Dazu breitet Singh hinter Glas zwei künftige Forschungsschwerpunkte aus, für die das Archiv umfängliche Bestände bereithält: das Bergbau-Ende 2012, das er in einer großen Ausstellung (nebst Tagung) aufgreifen will und ein sich 2014 aufdrängender Rückblick auf den Ersten Weltkrieg. Pars pro toto liegt nicht nur die 458. "Liebesgabe der Armeezeitung" aus, für die Oskar Wöhrle 1914 zur Feder griff, sondern auch eine Ausgabe der Kriegsgedichte des Saarbrückers Albert Korn unter dem Titel "Mit Herz und Verstand fürs Vaterland". Zuletzt spiegelt die größte Wandvitrine die Kärrnerarbeit des Archivs und deren Widrigkeiten (ob Unleserlichkeit, Säurefraß oder Verlust des Originals in digitalen Zeiten). cis

Bis 18. August (Campus Dudweiler, Zeile 6). Mo-Do: 9-12 Uhr und 14-16 Uhr; Fr: 9-12 Uhr