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Berlusconi unterhält mal wieder die ganze Welt

Rom. Es gäbe Wichtigeres, über das sich Italiens Ministerpräsident den Kopf zerbrechen könnte. Etwa darüber, dass die Wirtschaftskrise vor allem junge Italiener bedroht. Das wurde gestern bekannt Von SZ-Mitarbeiter Martin Zöller

Rom. Es gäbe Wichtigeres, über das sich Italiens Ministerpräsident den Kopf zerbrechen könnte. Etwa darüber, dass die Wirtschaftskrise vor allem junge Italiener bedroht. Das wurde gestern bekannt. Doch Silvio Berlusconi hat andere Sorgen: Presse und Opposition hören nicht auf, ihn zu fragen, was ihn mit der schönen 18-jährigen Schülerin Noemi Letizia aus der Nähe von Neapel verbindet - unlängst war Berlusconi zu ihrem Geburtstag gereist, seine Ehe steht seither vor dem Aus. Wird der Fall für den Politiker zum Stolperstein?Seit der Lewinsky-Affäre von Bill Clinton wurde kein Staatsmann derart peinlich ins Kreuzverhör der Öffentlichkeit genommen. "Herr Präsident, wann haben Sie Noemi Letizia kennengelernt", lautet eine von zehn Fragen, die die Zeitung "La Repubblica" abgedruckt hat. "Wo und wie oft haben Sie sie getroffen?", heißt eine andere. Auf der Internetseite der Zeitung kann man die Fragen auch auf Englisch lesen - ein Service für die Medien in aller Welt, die sich verwundert und begeistert auf die neueste Berlusconi-Geschichte stürzen. Weil er schweigt, aber alle anderen reden, gibt es wenige Fakten, aber zwei extreme Meinungen: Die regierungskritische Presse suggeriert, der Ministerpräsident habe eine Affäre mit einer Minderjährigen gehabt. Die freundliche Presse sieht ihn als Opfer einer Hetzjagd.Dass der "Fall Noemi" solche Aufmerksamkeit erfährt, liegt am bizarren Interesse Berlusconis an der jungen Frau, die unter anderem Silvester mit ihm verbrachte, wenn auch gemeinsam mit anderen Gästen. Zum anderen aber fällt die Freundschaft zu Noemi - und ihren Eltern - mitten in den Europa-Wahlkampf. Der für seine schönen Ministerinnen bekannte Berlusconi könnte diesmal zu weit gegangen sein. "Welcher Vater will, dass ein 72-Jähriger die kleine Tochter umgarnt?", sagte schon Anfang Mai ein italienischer Soziologe in "La Repubblica". Kein Wunder, dass sich Berlusconi laufend mit seinem Anwalt berät: Unabhängig davon, was wahr ist, droht ein Imagewandel vom belächelten Lebemann zum sexsüchtigen Schürzenjäger. In den meisten anderen Staaten wäre er aber wohl schon mit seinem alten Image nicht dreimal zum Ministerpräsidenten gewählt worden.Manche aus der Opposition wollen genau das nun nutzen: So hat der Chef der Partei "Italien der Werte", Antonio Di Pietro, einen Misstrauensantrag im Parlament eingebracht. Chancen rechnet er sich bei der deutlichen Mehrheit für Berlusconi nicht aus - es gehe ihm um ein "moralisches Zeichen", erklärte er. Der eigentliche Oppositionsführer jedoch, Dario Franceschini, agiert vorsichtiger. "Wir wollen die Wahrheit wissen", sagt er, fürchtet aber gleichzeitig, der "Fall Noemi" könnte für Berlusconi auch eine willkommene Ablenkung sein: Denn jüngst wurde ein Urteil gegen einen britischen Anwalt bekannt, in dem gesagt wird, dieser habe eine Falschaussage gemacht, "um Strafe von Silvio Berlusconi abzuwenden". Berlusconi indes zweifelt nicht daran, dass ihm die Italiener auch die seltsame Beziehung zur jungen Noemi verzeihen werden. "Am Ende werde ich alle Italiener auf meiner Seite haben", meinte er am Montag. Bis dahin machen sich Teile der Presse für den "Cavaliere" stark, mit einer eigenen "10-Fragen-Liste" und Bibelzitaten wonach Verleumdung so schlimm ist wie Mord. Ob Freundschaft oder Affäre - der "Fall Noemi" wird Italien in jedem Fall bis zu den Europawahlen begleiten. Mindestens.