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Berlin Siegfriedplatz

Bayreuth. Zwischen dem amerikanischen Mount Rushmore und dem Alexanderplatz zu DDR-Zeiten geht es im Bayreuther „Siegfried“ wild hin und her. Musikalisch großartig, spektakulär anzuschauen, aber ohne roten Faden. Von SZ-Redakteur Oliver Schwambach

Was für ein Karussell der Weltsichten! Die Drehbühne im Bayreuther Festspielhaus lässt beim "Siegfried" Ideologien rotieren. Auf der einen Seite hat Regisseur Frank Castorf von Bühnenbildner Aleksandar Denic (der eigentliche Star des Jubiläums-"Rings") perfekt den Berliner Alexanderplatz zu grauester DDR-Zeit nachbauen lassen. Mit funktionierender (!) Weltzeituhr und Original-Ost-Postfiliale. Auf der anderen Seite der Drehbühne erhebt sich der Mount Rushmore, Sinnbild der USA und nicht nur bei Hitchcock beliebte Filmkulisse. Nur, dass statt der Präsidenten hier Marx, Lenin, Stalin und Mao in Stein gemeißelt sind. Oder werden. Die Gerüste stehen jedenfalls noch; vielleicht ja auch zum Abbruch. Auf jeden Fall haben die Bayreuther Bühnenwerkstätten mit den sozialistischen Schwellköpfen Großes geleistet.

Was aber sollen die kommunistischen Götzen im tiefsten Westen? Das ideologische Koordinatensystem ist da offenbar gründlich verrutscht - wie ja tatsächlich nach dem Mauerfall. So findet Siegfried denn sein Idyll, als er dem Waldvogel lauscht, just an der schäbigsten Ecke am Alex, wo Überwachungskameras wieder wie schon in den ersten "Ring"-Teilen eifrig Großvideobilder abliefern. Könnte verquere Ostalgie sein. Andererseits: Der Waldvogel (sexy und mit jubilierendem Sopran: Mirella Hagen) hat ein Gefieder in den Farben der US-Flagge. Und Siegfried stürzt sich auf dieses "Vögelchen" wie manche DDR-Bürger nach der Wende auf die Verlockungen des Westens. Und: Am Vorzeigeplatz des real-existierenden Sozialismus ist auch die DDR runtergekommen. Die weise Erdmutter Erda (einmal mehr überzeugend: Nadine Weissmann) muss anschaffen gehen, bläst Wotan einen, während der über die Zukunft der Welt nachsinnt.

Klar ist da nur: Castorf hat nach dem Durchatmen bei der "Walküre" in puncto Provokation nochmal etliche Schippen draufgelegt. Fragmentarisch reiht er Szenen aneinander, mal genialisch, mal mit platten Pointen - dabei denkt er an alles, nur nicht an einen roten Faden. Selbst sein Leitmotiv "Öl" gerät aus dem Blick. Nur eine "Minol"-Reklame des einstigen DDR-Ölkonzerns lässt die Idee noch schwach glimmen.

Und Siegfried - mit dem die Umwälzungen im "Ring" ihren Lauf nehmen - tobt durch diese Szenerie wie durch einen Trümmerhaufen der Geschichte. Wie der großmäulige RAF-Terrorist Andreas Baader stoppelt er sich sein Weltbild aus Versatzstücken zusammen. Hauptsache, man hat 'ne gescheite Knarre in der Hand. Darum schmiedet er auch nicht lange das Schwert Notung neu. Er knallt Fafner mit einer Kalaschnikow ab - immerhin mit Schalldämpfer, so viel Respekt hat Castorf noch vor der Musik. Im Publikum erleidet aber prompt ein älterer Herr einen Schwächeanfall. Ja, harte Kost für das Publikum am Hügel. In der Pause raunen sich zwei tief dekolletierte Damen zu: "Das ist ja noch schlimmer als Schlingensiefs ‚Parsifal'".

Stimmt. Und doch ist dieser "Siegfried" eben auch spektakulär - weil er so viel Bilder, Ideen, Szenen, Gesprächsstoff liefert. Vor allem aber, weil er musikalisch überragend ist. Maestro Kirill Petrenko führt mit forschem Tempo, aber so überlegt, so luftig durch die Partitur, dass jede musikalische Idee Wagners glänzend hervortritt. Und nun gestattet er sich auch pathetische Momente. Mit Lance Ryan erlebt man zudem einen Siegfried in Paradeform. Zu Beginn ist seine Stimme noch etwas eng, scharf, dann aber singt er kraftvoll und beweglich - und mit großem Atem bis zum Schluss. Man ruft ihm aus ganzem Herzen Bravo zu. Wie auch Wolfgang Koch, der sich im "Siegfried" als Wotan/Wander nochmal steigert: ein grandioser Bariton, eine enorm facettenreiche Stimme. Caterine Foster als Brünnhilde knüpft an die fokussierte Leistung zum Ende der "Walküre" an. Musikalisch Weltklasse.