„Bei Schuhen kauft man auch nicht das erstbeste Paar“

„Bei Schuhen kauft man auch nicht das erstbeste Paar“

Wie können Eltern unter 8000 Kinder- und Jugendbüchern, die jedes Jahr erscheinen, das richtige finden? Wie bereitet man eine Buchmesse vor? Und stirbt das gedruckte Kinderbuch aus? Wenige Tage vor Beginn der Kinder- und Jugendbuchmesse in Saarbrücken hat SZ-Redakteur Johannes Kloth Programmleiterin Astrid Rech ein paar Fragen gestellt.

Der Autor Walter Moers hat kürzlich in einem Interview gesagt, die meisten Kinderbücher seien "gedruckte Schlaftabletten" und von vorneherein als "Wegwerfartikel" konzipiert. Ist es so schlimm um das Genre bestellt?

Rech: Ich würde nicht so pauschalisieren. Natürlich gibt es - wie in der Erwachsenenliteratur - viel Mist, aber eben auch qualitätvolle Kinder- und Jugendliteratur. Gerade in den vergangenen Jahren hat sich einiges getan. Es sind viele interessante, großartige Autoren herangewachsen. Und letztendlich sollten wir uns doch über diese Fülle an Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern, aus der wir wählen können, freuen.

Jedes Jahr erscheinen 8000 Kinder- und Jugendbücher. Wie sollen Eltern da überhaupt die richtige Auswahl treffen können?

Rech: Gehen Sie zum Buchhändler Ihres Vertrauens und lassen Sie sich vor Ort beraten. Er kennt sich in der Regel sehr gut aus und kann die besten Tipps geben.

Gibt es keine Kriterien, an denen man sich selbst orientieren kann?

Rech: Eltern sollten sich zutrauen, spontan in einen schön aufgemachten Titel hineinzublättern und selbst zu entscheiden, ob der Inhalt sie überzeugt. In den Medien wird verstärkt auf gute Kinderliteratur hingewiesen, und natürlich gibt es tolle Kinderbuchverlage, auf deren Qualität man sich verlassen kann. Auch hier hilft der Buchhändler weiter.

Es gibt viele Kinderbücher, die optisch wunderbar aufgemacht sind, aber inhaltlich durch ihren belehrenden Unterton abschrecken. Man wünscht sich manchmal mehr Fantasie-Anregendes.

Rech: Ja, das stimmt schon. Aber gerade im Bilderbuch- und Sachbuchbereich kann man hervorragende Bücher entdecken, die mit Spaß erklären und anregen, die lustig und spannend sind. Man muss sich als Eltern eben die Zeit für die richtige Buchauswahl nehmen. Wenn es um Schuhe geht, kauft man ja auch nicht das erstbeste Paar.

Kinder- und Jugendbuchliteratur wurde lange Zeit eher geringgeschätzt, Autoren hing der Makel an, "nur" Kinderbücher zu schreiben. Hat sich das geändert?

Rech: Die Stigmatisierung gibt es noch zum Teil. Allerdings haben Preise wie der Deutsche Jugendliteraturpreis und die Beachtung von Kinderliteratur in einer erweiterten Medienlandschaft dazu beigetragen, dass hier ein Umdenken stattfindet.

Auch Messen können dazu beitragen. Wie bereiten Sie die Kinder- und Jugendbuchmesse vor?

Rech: Ich sehe mir genau an, was neu auf den Markt kommt, fahre zur Frankfurter Buchmesse, treffe mich mit Verlegern, lasse mich beraten, entdecke neue Autoren. Ich lese wahnsinnig viel und treffe schließlich eine Auswahl.

Das Leitthema der diesjährigen Messe-Ausgabe lautet "Freundschaft" - ein weites Feld . . .

Rech: Es ist ein Thema, das sich durch die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur wie ein roter Faden zieht und in immer neuen Facetten behandelt wird. Bei den Autoren, die wir dieses Jahr eingeladen haben, geht es um Freundschaften zwischen Kindern, zwischen Kindern und Tieren, zwischen Kindern und erfundenen Freunden, aber auch um verlorene Freundschaften, das Thema ist sehr reich.

Was sind die wichtigsten Messe-Neuerungen?

Rech: Neu ist zum Beispiel unser Bilderbuchkino: Professionelle Vorleser lesen aus den Büchern, während die kleinsten Besucher auf einer Leinwand die Bilder dazu sehen und ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. Die "Märchenakademie" - ist ein Projekt, in dem wir zusammen mit der Saar-Uni Märchen in eine neue digitale Welt transportieren wollen. Und: Erstmals findet eine Schreibwerkstatt für Nachwuchsautoren statt, was ich ganz wichtig finde. Oft veröffentlichen junge Autoren viel zu schnell und ohne Hilfestellung ihre Geschichten - sei es im Selbstverlag oder in den vielen kleinen Verlagen, die wie Pilze aus dem Boden schießen und genauso schnell wieder verschwinden. Mit Martin Gülich haben wir einen renommierten Autor eingeladen, der Tipps und Ratschläge gibt.

Die Messe ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Wohin soll sie sich künftig entwickeln?

Rech: Unser Ziel ist es, die Qualität zu halten und weiterhin den Fokus nicht nur auf deutsche Literatur zu richten, sondern neugierig auf das zu bleiben, was in Europa passiert. Dieser Aspekt des Grenzenlosen, der auch in unserem Motto "Bücher bauen Brücken" formuliert ist, wollen wir noch weiter ausbauen. Nehmen Sie jemanden wie Mehrdad Zaeri, den ich für die diesjährige Messe gewinnen konnte: Das ist ein Märchenerzähler mit Stift, der aus der arabischen Erzähltradition kommt und mit dem Publikum gemeinsam zeichnet und Geschichten erfindet; oder Patrick Addai aus Ghana, der Kinder durch sein enthusiastisches, tanzendes Erzählen begeistert - das sind Besonderheiten, die unsere Messe ausmachen. In diese Richtung wollen wir weitergehen.

Die Messe setzt sich seit ein paar Jahren auch verstärkt mit dem Thema Digitalisierung auseinander. Über 20 Prozent aller Zwei- bis Fünfjährigen gehen bereits regelmäßig ins Internet. Ist das gedruckte Kinderbuch bedroht?

Rech: Nein, überhaupt nicht, gedruckte Kinderbuchliteratur hat in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erfahren. Was den Medien-Konsum angeht: Da sind vor allem die Erwachsenen gefragt. Wenn Sie ihren Kindern Grenzen setzen, kann das Internet eine wunderbare Bereicherung und Ergänzung sein.

Leider machen das nicht alle Eltern. Auch Ihre Messe besuchen ja in erster Linie diejenigen Kinder, die von ihren Eltern ohnehin sehr gefördert werden, oder?

Rech: Am Messe-Samstag und -Sonntag kommen in der Regel Eltern und Kinder, die sich für Bücher interessieren. Am Donnerstag und Freitag sind Schulklassen und Kindergärten auf der Messe. Lehrer und Erzieher haben eine wichtige Vermittlerrolle. Nicht selten habe ich erlebt, dass Kinder bei einem Messebesuch das erste Mal mit Literatur in Berührung kamen und ein richtiges "Aha-Erlebnis" hatten.

Eine schöne Bestätigung für die eigene Arbeit?

Rech: Ja, wenn Kinder ihr Geld anstatt in eine Cola in ein Buch investieren, es vom Autor signieren lassen und dann - wie im letzten Jahr ein kleiner Junge - stolz im Arm halten und sagen: ‚Das ist jetzt mein Buch', dann sind das Glücksmomente.

Das vollständige Programm: www.buchmesse-saarbruecken.eu