Behutsame, aber deutliche Aufklärung (Teaser SBM)

Behutsame, aber deutliche Aufklärung (Teaser SBM)

Kirche und Sexualität - ein heikles Thema. Die Caritas der Erzdiözese München und Freising hat dennoch eine Wanderausstellung über die sexuelle Gesundheit speziell für Menschen mit Fluchthintergrund konzipiert.


München (KNA)
Geht es um Sexualität, weiß eh jeder alles. Nie würde jemand Defizite zugeben. Komisch nur, dass für Aufklärung zuständige Teams bei Jugendzeitschriften über Generationen hinweg die immer gleichen Fragen beantworten müssen. Mit dem Segen des Erzbistums München und Freising hat sich nun dessen Diözesancaritasverband des für die katholische Kirche stets heiklen Themas angenommen. "Only Human. Leben. Lieben. Mensch sein" heißt die über ein Jahr lang entwickelte Wanderausstellung. Sie richtet sich besonders an Menschen mit Fluchthintergrund.

29 junge Männer zwischen 16 und 22 Jahren sind an diesem Tag zu Gast in der ehemaligen Münchner Karmeliterkirche. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Äthiopien und Somalia. Statt Unterricht in der Volkshochschule sollen sie sich heute über den menschlichen Körper der beiden Geschlechter informieren, über Ansteckungsgefahren und wohin man sich wenden kann, wenn man medizinische Hilfe braucht. In einfachen Bildern und in ihren Sprachen gibt es dazu Erläuterungen. Wer nicht lesen kann, erhält sogar Erklärungen in akustischer Form.

Alexandra Maier von der Psychosozialen Aids-Beratungsstelle der Münchner Caritas steht mit neun Jungs vor der Schautafel über die Frau. Die weiblichen Geschlechtsorgane sind in Plüsch zu sehen und beschrieben, auch die Möglichkeiten, eine Empfängnis zu verhüten. Von der Spirale bis zur Pille ist alles aufgeführt. Bilder zeigen, wie Mädchen oder Frauen mit Binden, Tampons oder einem Menstruationscup das Blut auffangen, wenn sie ihre Tage haben. Ruhig und aufmerksam schauen sich die Burschen das an.

Falsche Scham ist fehl am Platze. Auch geht es nicht um die katholische Morallehre, sondern um neutrale Information. Genauso wie auf der anderen Seite der Schauwand, auf der in gleicher Ausführlichkeit das männliche Glied erklärt wird. Wer sich beim Sex schützen will, sollte wissen, wie Kondome richtig anzuwenden sind. "Do you know your size?" (Kennst Du deine Größe?), heißt es da, und dazu folgen erklärende Zeichnungen.

"In den Gesellschaften, aus denen viele der Flüchtlinge kommen, sind Sexualität und die damit verbundenen Fragen stark tabuisiert", sagt Regina Lange. Die Leiterin der Aids-Beratungsstelle hofft, dass die Besucher sich so sensibel damit auseinandersetzen können. Die Mädchen am Tag zuvor taten es. Zwei Stunden blieben sie und fragten intensiv nach. Neben der klassischen Aufklärung geht es auch darum, vor Geschlechtskrankheiten oder HIV zu bewahren.

Für Mitarbeiterin Maier ist es selbstverständlich, den jungen Männern zu sagen, dass ein Aids-Test kostenlos und anonym im Gesundheitsamt gemacht werden kann. Die Krankheit sei zwar therapierbar, aber eben nicht heilbar. Vor allem räumt die Schau mit Mythen auf. So kann auf umklappbaren Täfelchen mit Strichfiguren Wissen getestet werden, etwa welches Verhalten Risiken birgt. Das Benutzen der Toilette jedenfalls nicht und auch nicht Händeschütteln oder der Besuch beim Zahnarzt.

Sobald es zum Austausch von Körperflüssigkeiten kommt, ist Vorsicht geboten. Das Bild für Oralsex kommt nicht bei jedem gut an, beim homosexuellen Pärchen bleibt die Entrüstung aber aus. "Wir müssen noch viel lernen", sagt einer der Flüchtlinge, und dürfte auf die Toleranz anspielen. Auch das richtige Interpretieren von Mimik und Verhalten des anderen Geschlechts gehört dazu. Eine Bildergeschichte zeigt zwei junge Menschen, die sich an einer Bushaltestelle kennenlernen, ein paar Worte wechseln und dann wieder ihrer Wege gehen. Eine lose Bekanntschaft, ohne jede Verpflichtung.

Eine feste Freundin hätte mancher gerne, weiß der begleitende Sozialpädagoge. "Aber die kann ich mir nicht leisten", so ein Junge, denn Mädchen müsse man Geschenke machen. In der Ausstellung wird den Flüchtlingen noch in Erinnerung gerufen, dass in Deutschland alle Menschen die gleiche Würde haben. "Equality" (Gleichberechtigung) steht über einer Waage, in deren Schalen männliche und weibliche Playmobil-Figuren sich die Balance halten. "Und warum kriegen Frauen dann weniger Geld?", will ein 19-jähriger Afghane forsch wissen. Gute Frage.


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(kna)