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„Man verliert sich Stück für Stück“

Alice (Julianne Moore) verliert beim Joggen die Orientierung – eines der ersten Anzeichen ihrer Krankheit. Foto: Polyband
Alice (Julianne Moore) verliert beim Joggen die Orientierung – eines der ersten Anzeichen ihrer Krankheit. Foto: Polyband FOTO: Polyband
Ende Februar wurde US-Schauspielerin Julianne Moore (54) mit dem Oscar als beste Darstellerin ausgezeichnet: Im Film „Still Alice“ spielt sie eine Linguistik-Professorin, bei der die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert wird. Ihre Familie weiß nicht, wie sie damit umgehen soll, während Alice darum kämpft, mit der Krankheit nicht ihre Persönlichkeit zu verlieren. SZ-Mitarbeiter Martin Schwickert hat mit Julianne Moore über den Film und ihre Karriere gesprochen. red

An einer Stelle im Film sagt Ihre Figur Alice: "Ich wünschte, ich hätte Krebs", weil sie sich dafür weniger schämen müsste. Warum ist die Scham bei Alzheimer besonders groß?

Moore: Alice traut sich nicht mehr auf eine Dinner-Party, weil sie Angst hat, dass die Leute ihr aus dem Weg gehen. Gegenüber ihrem Chef lässt sie das Wort "Alzheimer" nie fallen und spricht von einer "milden kognitiven Störung". Alzheimer ist mit einem großen Stigma behaftet und der Film versucht die Vorurteile ein wenig zurechtzurücken. Viele denken, Demenz gehört zum Älterwerden dazu. Aber das stimmt nicht. Auch bei einer 80-Jährigen ist Demenz eine Krankheit.

Warum wird diese Krankheit so tabuisiert?

Moore: Es ist uns unangenehm, über die eigene Sterblichkeit nachzudenken. Diese Krankheit läuft nicht nur aufs Vergessen, sondern auf den Tod hinaus. Man verliert sich Stück für Stück. In dem Film geht es darum herauszufinden, was uns im Wesentlichen als Menschen ausmacht. Was bleibt von unserer Persönlichkeit übrig, wenn wir unsere Wahrnehmungsfähigkeiten, unseren Intellekt, unsere Kommunikationsmöglichkeiten verlieren?

Viele Filme, die sich mit Alzheimer beschäftigen, sentimentalisieren die Krankheit. "Still Alice" tut dies nicht.

Moore: Vielleicht kommt das daher, dass Richard Glatzer, einer der beiden Regisseure, selbst an ALS leidet - eine Nervenkrankheit, die nach und nach alle Muskeln lähmt. Während der Dreharbeiten konnte er mit uns nur noch über ein Sprachprogramm auf seinem iPad kommunizieren, weil er die Kontrolle über seine Stimme verloren hatte. Er kennt die schmerzliche Erfahrung, dass Fähigkeiten, auf die man sich ein Leben lang verlassen hat, allmählich verschwinden.

Wie intensiv haben Sie sich für Ihre Arbeit mit der Krankheit beschäftigt?

Moore: Ich wollte das Verhalten, die körperlichen Veränderungen und sprachlichen Einschränkungen, die mit dieser verheerenden Krankheit einhergehen, so genau wie möglich darstellen. Ich habe viele Gespräche mit Menschen geführt, die sich in einem frühen Stadium befanden. Die Jüngste von ihnen war 49 und die Älteste 62. Ich habe die einschlägige Literatur gelesen, Dokumentationen angeschaut, mit Ärzten gesprochen.

Sie sind seit 28 Jahren im Filmgeschäft und haben von "Short Cuts" über "The Big Lebowski" bis hin zu "Maps to the Stars" mit über 70 Projekten eine der interessantesten Filmografien Hollywoods. Wie haben Sie das geschafft?

Moore: Ich bin stolz auf meine Filmografie. Einen Film wie "Maps to the Stars" von David Cronenberg im gleichen Jahr ins Kino zu bringen wie "Still Alice" ist toll. Hollywood legt einen gerne fest, aber ich bin Schauspielerin und möchte so viele verschiedene Charaktere wie möglich spielen. Deshalb höre ich nicht auf, nach interessanten Projekten zu suchen. Gute Filme fallen einem aber nicht in den Schoß. Ich lese sehr viele Drehbücher und kann meistens auch gleich sagen, ob das etwas für mich ist. Da kann ich mich auf meine Erfahrung und mein Gefühl verlassen.

Wie schwer fällt es Ihnen, die Rollen wieder abzuschütteln?

Moore: Das kann ich gut auseinanderhalten. Wenn ich vom Set komme, lasse ich alles hinter mir.

"Still Alice" läuft ab morgen in der Camera Zwo (Sb). Kritik zum Film und zu den anderen Neustarts finden Sie morgen in unserer Beilage treff.region.



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