Bankenexperte Wolfgang Gerke: „Billiges Geld ist hochgefährlich“

Entgegen den Erwartungen von Experten will die US-Notenbank die Märkte weiter mit billigem Geld fluten. Der Bankenfachmann und Präsident des Bayerischen Finanzzentrums, Wolfgang Gerke, hält diesen Kurs für hochgefährlich. Im Gespräch mit SZ-Korrespondent Stefan Vetter erklärt er, warum.

Herr Gerke, der Geldhahn bleibt offen. Ist das richtig oder falsch?

Gerke: Ich halte das weltweit für eine hochgefährliche Politik, weil sie zu Spekulationsblasen führen kann und weil bei einer Politik des billigen Geldes die Staatsverschuldung permanent wächst. Damit werden die Probleme auf die nächste Generation verschoben, die diese nur schwer lösen kann.

Bislang scheint die Welt aber ganz gut damit zu fahren.

Gerke: Der Kurs der US-Notenbank ging schon in der Vergangenheit zulasten anderer Länder wie etwa China, die große Dollar-Reserven angesammelt hatten. Durch die Politik des billigen Geldes wurde der Dollar geschwächt.

Was bedeutet die Entscheidung der US-Notenbank für den Euro?

Gerke: Beim Euro haben wir das große Problem, dass viele südeuropäische Länder Konjunkturprogramme benötigen.

Also doch auch billiges Geld.

Gerke: Ja, für diese Länder ist das gut. Aber eine florierende Wirtschaft wie die deutsche braucht eigentlich höhere Zinsen, damit die Sparer nicht die Zeche zahlen. Wer sich etwas für die Altersvorsorge zurücklegt, wird praktisch jeden Tag ärmer. Und längerfristig gibt es noch andere Gefahren. Die größte Gefahr besteht darin, dass, wenn die Konjunktur weiter anzieht, wir eine Inflation bekommen. Außerdem werden mit dem billigen Geld die Aktien- und Immobilienmärkte angeheizt, so dass es am Ende zu neuen Finanzkrisen kommen kann.

Auch der Dax feiert immer neue Rekordstände. Sollte man jetzt in Aktien investieren?

Gerke: Es ist immer gut, sein Geld zu streuen, also auch in Aktien anzulegen. Nur haben die Deutschen leider die Angewohnheit, erst in Aktien zu gehen, wenn die Kurse besonders hoch sind. Dann verbrennen sie sich die Finger und bleiben über viele Jahre abstinent. Derzeit liegen die größten Kurssteigerungen wohl eher hinter uns. Den optimalen Einstieg zu finden, ist aber immer ein Glücksspiel. Deshalb würde ich dazu raten, ständig etwas in Aktien zu investieren und dabei auch auf eine Streuung in die Titel achten. Langfristig macht man dabei einen guten Schnitt.

Müsste sich durch das anhaltend billige Geld die Euro-Krise nicht entschärfen?

Gerke: So einfach ist das nicht. Denn billiges Geld kann auch zu Fehlinvestitionen an den Finanzmärkten führen, also zum Kauf spekulativer Werte.

Besonders Griechenland wird weitere Milliarden brauchen. Woher sollen die eigentlich kommen?

Gerke: Das ist eine für Deutschland schmerzhafte Frage. Denn wir werden einen großen Teil der Lasten tragen müssen. Und das gilt nicht nur für Griechenland. Mit großen Sorgen muss man auch auf Portugal und Spanien schauen. Das kostet den deutschen Steuerzahler alles langfristig Geld. Dieses Geld ist für den europäischen Frieden und das europäische Weiterkommen aber trotzdem gut investiertes Geld.

Zum Thema:

HintergrundDie anhaltende Geldflut der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) hat gestern auf den Finanzmärkten weltweit Euphorie ausgelöst. Der deutsche Leitindex Dax kletterte auf neue Rekordhöhen. Er sprang zeitweise über 8770 Punkte, der Handel wurde am frühen Abend mit 8694 Zählern beendet (plus 0,67 Prozent). Die Fed hatte am Mittwochabend überraschend angekündigt, ihre zur Konjunkturstützung aufgelegten monatlichen Käufe von Staatsanleihen und Immobilienpapiere im Umfang von 85 Milliarden Dollar (64 Milliarden Euro) in unveränderter Höhe beizubehalten. Sie begründete die Entscheidung, die geldpolitische Wende zu verschieben, vor allem mit der instabilen Wirtschaftslage, dem zuletzt deutlichen Anstieg der Markt- und Hypothekenzinsen sowie dem verhaltenen Preisauftrieb. dpa

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