Bahnrad-WM: Sprinterinnen kämpfen um Kristina Vogels Erbe

Bahnrad-WM : Sprinterinnen kämpfen um Vogels Erbe

Am Mittwoch starten die deutschen Bahnrad-Asse in die erste WM nach der Ära Kristina Vogel. Zu ersetzen ist die zweimalige Olympiasiegerin nicht.

Die Reise nach Pruszkow ist für Kristina Vogel eine Selbstverständlichkeit. Dass inzwischen vieles anders ist, spielt keine Rolle. "Ich freue mich darauf. Ich kann zwar nicht mehr mitmachen, aber ich bin trotzdem da", sagte Vogel dem SID: "Wir sind jahrelang zusammen gereist, da haben sich Freundschaften entwickelt. Ich werde richtig mitfiebern."

Bei den am Mittwoch beginnenden Bahnrad-Weltmeisterschaften vor den Toren Warschaus (27. Februar bis 3. März) wird die querschnittsgelähmte zweimalige Olympiasiegerin ihren Weggefährten als moralische Unterstützung zur Seite stehen. Für die Medaillen auf dem Holzoval müssen bei der ersten WM nach Vogels folgenreichem Trainingsunfall im Sommer 2018 andere sorgen.

Vier Goldmedaillen hat der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) bei der WM 2018 in Apeldoorn gewonnen. Für die Hälfte davon war die elfmalige Weltmeisterin Vogel verantwortlich (Sprint, Teamsprint). Die Zeiten der beinahe garantierten Titel im Sprintbereich der Frauen ist nun vorerst vorbei. "Kristina zu kompensieren, ist nicht möglich - egal auf welcher Ebene", sagt Bundestrainer Detlef Uibel dem SID: "Es ist eine schwierige Situation."

Vier Athletinnen hat Uibel für die Kurzzeit-Disziplinen nominiert. Vogels langjährige Anfahrerin Miriam Welte (32/Kaiserslautern) ist im Teamsprint gesetzt, dahinter bewirbt sich ein Dreiergespann um Vogels Erbe. Dem Trio Pauline Grabosch (21/Erfurt), Emma Hinze (21/Cottbus) und Lea Sophie Friedrich (19/Dassow) fehlt aber noch die Erfahrung.

Konkurrenzfähig sind die Sprinterinnen dennoch, die Ergebnisse im Weltcup machen Hoffnung. Es habe eine "überraschend gute Vorsaison" gegeben, sagte Uibel, "ich bin mit der derzeitigen Entwicklung zufrieden, die Mädels haben die Herausforderung angenommen. Es geht darum, das zu stabilisieren."

Hinze scheint derzeit am weitesten zu sein. Die viermalige Junioren-Weltmeisterin besticht durch ihren Ehrgeiz, ist im Wettkampf äußerst fokussiert. "Sie ist ein bisschen aus meinem Schatten herausgetreten, das freut mich", sagte auch Vogel.

Grabosch hat ihre Stärken in der Athletik, muss damit aber Defizite im technisch-taktischen Bereich ausgleichen. Hinzu kommen die Nachwehen der traumatischen Erfahrungen im vergangenen Sommer.

Als Vogels Trainingspartnerin erlebte Grabosch deren Unfall hautnah, die damals 20-Jährige fiel anschließend mental in ein Loch. "Das Jahr 2018 wird in meine noch junge Karriere als Tiefpunkt eingehen", sagte Grabosch im ARD-Hörfunk: "Das steckt bei jedem in den Knochen. Man macht sich die Gefahren mehr bewusst, denen man ausgesetzt ist." Grabosch suchte Abstand zum Sport, kämpft sich inzwischen aber wieder zu alter Form. Allerdings, sagte Uibel, habe sie "im Sommer viel verloren".

In Vogels riesige Fußstapfen könnte womöglich Lea Sophie Friedrich treten. Für ihr junges Alter ist sie athletisch hervorragend ausgebildet, "sie macht mir ganz viel Spaß. Bei ihr erkenne ich mich manchmal wieder", sagte Vogel. Uibel gerät ins Schwärmen, wenn er über Friedrich spricht: "Sie ist diejenige, die von allem etwas mitbringt."

An die Klasse von Kristina Vogel reicht noch keine ihrer potenziellen Erbinnen heran. Die Wettkampf-Erfahrungen bei der Bahn-WM in Polen sollen sie zumindest in der Entwicklung voranbringen. Mit der mentalen Unterstützung des großen Vorbilds in Pruszkow dürfte das gelingen.

(sid/old)
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