Ausgebremste Klimaschutz-Technik

Ausgebremste Klimaschutz-Technik

Eigentlich soll die Energiewende-Politik ja alle Techniken fördern, die CO{-2}-Austoß vermeiden helfen. Es gibt offenbar auch Fälle, in denen das Gesetz Klimaschutz-Technik torpediert. Das muss das Saarbrücker Unternehmen Devetec erfahren, das eh anfallende Abwärme zur Stromerzeugung nutzt.

Dass der Maschinenbau-Ingenieur Michael Schmidt im Nebenberuf irgendwann zum Klinkenputzer wird, hätte er sich nicht träumen lassen. "Doch die Wendungen und Winkelzüge der deutschen Energiepolitik lassen mir keine andere Wahl", sagt der Unternehmer. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Saarbrücker Firma Devetec, die aus der Saarbrücker Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) hervorging.

Im Grunde will Schmidt mit heißer Luft Geld verdienen. Dazu hat er einen Kolbenmotor entwickelt, der die Abwärme, die in Industrieanlagen massenhaft anfällt, in Strom und danach noch in Prozesswärme umwandelt, mit der beispielsweise eine Trockenanlage betrieben werden kann. Sein Motor funktioniert auf Basis der sogenannten ORC-Technologie (Organic Rankine Cycle), die nach dem schottischen Physiker und Ingenieur William Rankine (1820-1872) benannt ist. In einem geschlossenen Kreislauf befindet sich eine Flüssigkeit, die bei Hitze schnell verdampft und damit Druck aufbauen kann. Je nach Anwendung sind das Alkohole oder Silikon-Öle. Wenn die Flüssigkeit in einem Kessel mit der heißen Abwärme-Luft in Berührung kommt, verdampft sie. Der Dampf treibt einen V-förmig angelegten Kolben-Motor an, der an einen Stromgenerator angeschlossen ist. In einem Kondensator wird der Dampf wieder verflüssigt und das Ganze beginnt von vorne.

"Es lohnt sich schon bei einer Abwärme-Temperatur ab 250 Grad", sagt Schmidt. Die elektrische Leistung der Motoren liegt zwischen 50 und 270 Kilowatt (kW). "Durch unsere ORC-Technologie wird Kohlendioxid (CO{-2}) eingespart. Wir leisten damit einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz, da heute die Abwärme ungenutzt in die Luft geblasen wird."

Dennoch: Trotz der milliardenschweren Förderung, um die Energiewende zu schaffen und die deutschen Klimaziele zu erreichen, droht die Firma Devetec mit ihrer Technologie immer wieder durch den Rost zu fallen. "Wir fahren ständig auf Sicht", sagt Schmidt. Da er in politischer Lobby-Arbeit unerfahren ist, hat er sich mit Reinhard Störmer einen alten Polit-Haudegen und erfahrenen Strippenzieher in die Geschäftsführung geholt. Der 69-Jährige war in den 90er Jahren Wirtschafts-Staatssekretär und später Energiemanager an der Saar.

Die Situation ist vertrackt. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sieht vor, dass auf alle Anlagen, die in Unternehmen sogenannten Eigenstrom erzeugen, künftig eine EEG-Abgabe fällig wird. "Und das, obwohl wir CO{-2}-freien Strom produzieren", sagt Störmer. Das gilt aber nur für die Firmen, die nicht in den Genuss einer EEG-Ermäßigung kommen. Dieses Privileg haben nur Strom-Großverbraucher. Für diese wiederum lohnt sich der Kauf einer Devetec-Anlage nicht, die rund eine Million Euro kostet. "Sie können die elektrische Energie billiger direkt beziehen", rechnen Schmidt und Störmer vor.

Hinzu kommt, dass auch die Förderung der Blockheizkraftwerke (BHKW), die in den Unternehmen auf der Grundlage eines Gasmotors Strom und Wärme produzieren, Ende 2015 ausgelaufen ist. Für ORC-Anlagen ist Ende 2016 Schluss. "Auch hier sind wir gekniffen, da wir als BHKW gelten, obwohl wir die sowieso vorhandene Abwärme und keine Primärenergie - beispielsweise Gas - einsetzen, um Strom zu produzieren", sagen die Devetec-Geschäftsführer.

Aufgrund ihrer - auch von der Landesregierung und den Berliner Saar-Abgeordneten unterstützten - Lobbyarbeit konnte wenigstens erreicht werden, dass ein "Förderprogramm Abwärmenutzung in der gewerblichen Wirtschaft" aufgelegt werden soll. Ob dessen Anreize aber ausreichen, dass sich die Firmen mit einem hohen Abwärme-Ausstoß für eine ORC-Anlage entscheiden, ist offen. "Wir haben mehrere unterschriftsreife Verträge, aber alle warten ab."

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HintergrundDie Firma Devetec beschäftigt 22 Mitarbeiter. Vier Anlagen sind in Betrieb: in einer Chemieanlage, einer Glashütte, in einem Stahl- und in einem Walzwerk. Geschäftsführer Michael Schmidt ist überzeugt, dass in Deutschland rund 5000 Megawatt (MW) Strom sinnvoll aus industrieller Abwärme erzeugt werden kann, was einer Leistung von knapp fünf Atomkraftwerken entspricht. Von Vorteil sei auch, dass die Anlagen rund 7000 Stunden pro Jahr laufen. Windräder an Land kommen auf knapp 1800 Stunden. Eigentümer von Devetec sind neben Schmidt die chinesische Firma Degao, mit der zurzeit in China im Rahmen eines Gemeinschaftsunternehmens eine Fabrik für ORC-Anlagen gebaut wird. Weitere Gesellschafter ist Lutz Goebel, geschäftsführender Gesellschafter des Motorspezialisten Henkelhausen (Krefeld) sowie die Landes-Strukturbank SIKB über ihre Töchter Saarländische Kapitalbeteiligungsgesellschaft (KBG) und Saarländische Wagnisfinanzierungsgesellschaft (SWG). Im Sommer zieht Devetec vom Saarbrücker Hochschul-Technologie-Zentrum (HTZ) der HTW in eine eigene Halle nach St. Ingbert um. low