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Augstein, Ahmadinedschad und eine ominöse Liste

Berlin. "Jeder Kritiker Israels muss damit rechnen, als Antisemit beschimpft zu werden", schrieb der Journalist und Verleger Jakob Augstein Ende November in seiner Kolumne bei "Spiegel Online" Von dpa-Mitarbeiterin Nada Weigelt

Berlin. "Jeder Kritiker Israels muss damit rechnen, als Antisemit beschimpft zu werden", schrieb der Journalist und Verleger Jakob Augstein Ende November in seiner Kolumne bei "Spiegel Online". Dass das renommierte amerikanische Simon-Wiesenthal-Zentrum ihn kurze Zeit später zu den zehn schlimmsten Antisemiten der Welt zählen würde, hat sich der 45-Jährige seinerzeit sicher nicht träumen lassen. Immerhin steht Augstein damit jetzt in einer Reihe mit den ägyptischen Muslimbrüdern, dem Regime von Mahmud Ahmadinedschad im Iran sowie der rechtsradikalen griechischen Partei "Goldene Morgenröte".Als Beleg für die Aufnahme Augsteins listet die nach dem Holocaust-Überlebenden und Nazi-Jäger Simon Wiesenthal benannte Organisation Israel-kritische Zitate des Deutschen auf. Darin schließt er sich der Einschätzung von Literatur-Nobelpreisträgers Günther Grass an, die Atommacht Israel sei eine Gefahr für den Weltfrieden. Zudem vergleicht Augstein die ultraorthodoxen Juden in Israel mit islamischen Fundamentalisten. Darüber hinaus zitiert das Wiesenthal-Zentrum den Publizisten Henryk M. Broder mit den Worten, Augstein sei ein "lupenreiner Antisemit", ein Überzeugungstäter, der die Chance auf eine Karriere bei der Gestapo nur verpasst habe, weil er nach dem Krieg geboren sei.


Fernsehzuschauern ist Jakob Augstein von zahlreichen TV-Auftritten bekannt: Im vergangenen Jahr war er - neben den notorisch verpflichteten Politikern - der meistgesehene Gast in Talkshows. Daneben ist er Herausgeber der Wochenzeitung "Der Freitag", Vertreter der Erbengemeinschaft Augstein - und natürlich vor allem Sohn des legendären "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein. Allerdings nur laut Gesetz. Nach dem Tod seines Ziehvaters 2002 erfuhr er von seiner Mutter Maria Carlsson, dass sein leiblicher Vater der Schriftsteller Martin Walser ist. "Jakob ist in unserer Familie seit langem angekommen. Ich mag ihn sehr, sehr gern", bestätigte Walser nach der Enthüllung 2009. Beruflich war der doppelte Sohn da schon längst in die Fußstapfen des Ziehvaters getreten.

Nach einem Politikstudium in Berlin und Paris lernte und arbeitete er zunächst lange als Journalist bei der "Süddeutschen Zeitung", später für die Wochenzeitung "Die Zeit". 2008 kaufte Augstein dann die einstige Ost-West-Zeitung "Freitag" und krempelte sie zu einer modernen linksliberalen Wochenzeitung um, die stark auch auf Online-Nutzer setzt. Unter dem programmatischen Titel "Im Zweifel links" pflegt der Vater von drei Kindern seit 2011 zudem seine Kolumne in der Online-Ausgabe des väterlichen "Spiegel". Immer häufiger werde der Vorwurf des Antisemitismus missbraucht, um Israels Besatzungspolitik gegen jede Kritik in Schutz zu nehmen, schrieb er dort vor Wochen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland jedenfalls distanziert sich von den Vorwürfen gegen Augstein. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum habe offensichtlich nicht genügend recherchiert oder sich kundig gemacht, kritisierte Vizepräsident Salomon Korn. Zuvor hatten unter anderem bereits die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner, Linksfraktionschef Gregor Gysi sowie der Deutsche Journalisten-Verband Augstein in Schutz genommen. Foto: Schindler/dpa