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Auf der Suche nach dem Dreck am Stecken

Benjamin Bieber (l.) und der Berliner Schauspieler Thomas Schmidt in "Der Revisor". Foto: Hickmann/Stage Picture
Benjamin Bieber (l.) und der Berliner Schauspieler Thomas Schmidt in "Der Revisor". Foto: Hickmann/Stage Picture
Saarbrücken. Was nützt intellektuelle Tiefbohrerei, wenn das, was auf der Bühne passiert, langweilig wirkt? "Theater muss unterhalten", hatte Regisseur Thomas Schulte-Michels beim Pressegespräch am selben Ort vor genau einem Jahr gesagt Von SZ-Mitarbeiterin Silvia Buss

Saarbrücken. Was nützt intellektuelle Tiefbohrerei, wenn das, was auf der Bühne passiert, langweilig wirkt? "Theater muss unterhalten", hatte Regisseur Thomas Schulte-Michels beim Pressegespräch am selben Ort vor genau einem Jahr gesagt. Damals inszenierte er am Staatstheater Schillers "Räuber" und präsentierte dem Publikum Karl Moors Bande stark gerafft im Spaß-Guerilla-Gewand. Diesmal hat sich "Schumi", wie er sich selbst nennt, Nikolai Gogols "Der Revisor" vorgeknöpft. Wie fast immer hat der 68-Jährige auch das Bühnenbild - eine große Treppe - selbst entworfen, Tanja Liebermann mit den Kostümen betraut und den Berliner Schauspieler Thomas Schmidt, der schon den Karl Moor gab, mit einer der beiden Hauptrollen des Stücks.


Die Gefahr, dass es auf der Bühne zäh und dröge zugeht, besteht bei dieser Milieustudie über die Korruptheit der Amtsträger in der russischen Provinz des 19. Jahrhunderts, nicht. Eher im Gegenteil. Aufpassen muss ein Regisseur hier, dass die Gogolschen Provinz-Honoratioren, die, aufgeschreckt durch die Ankündigung, ein Prüfungs-Beamter aus St. Petersburg sei inkognito im Anmarsch, den Falschen umschleimen und schmieren, nicht zu tumb rüberkommen. Und so die bitterböse Komödie mit stark farcenhaften und Commedia dell'Arte-Zügen in einen harmlosen Komödienstadel abgleitet. "Es ist eine Gratwanderung", sagt Schumi mit wissendem Lächeln und beschreibt sein Rezept mit den selben Worten wie schon bei den Räubern: "Letztlich besteht es darin, den Schnittpunkt zu erwischen zwischen virtuos und existenziell." Als guter Regisseur dürfe man seine Figuren nicht denunzieren, auch wenn man sie schrecklich finde, sondern müsse ihr Anwalt sein, fügt er hinzu. Auch vor dem Ausspielen nostalgisch getränkter Russland-Klischees sieht sich Schulte-Michels gefeit. "Ich bin in Straßburg geboren, im Kohlenpott aufgewachsen, lebe in Basel und mache das Stück in Saarbrücken. Das sind die Koordinaten, die Erfahrungswerte, mit denen ich arbeite, plus denen der Schauspieler". Außerdem sei das, was Gogol beschreibe, ja kein allein russisches Phänomen, sondern ein Gesellschaftsmuster, das man leider immer und überall antreffe. Ein Thema, das Schulte-Michels nicht loslässt. Schon zum dritten Mal inszeniert er jetzt den Revisor und im März zum vierten Mal, dann in Wien. Langweilig wird ihm das Stück nicht, betont Schulte-Michels. Im Gegenteil, jedes Mal könne man noch ein Stück tiefer bohren.

Premiere: Samstag, 19.30 Uhr, Staatstheater. Karten: Tel. (06 81) 30 92 486.