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Auf den Sportplatz, Genossen!

Früher ein flottes Trikot, heute altbacken: ein Entwurf von Varvara Stepanova. Foto: Museum
Früher ein flottes Trikot, heute altbacken: ein Entwurf von Varvara Stepanova. Foto: Museum FOTO: Museum
Lausanne. Die Schau „Die Russische Avantgarde und der Sport“ zeigt im Olympischen Museum von Lausanne Fotos, Film, Graphik und Plakatkunst aus der Zeit zwischen 1917 und 1937. Anlass sind die Olympischen Winterspiele in Sotschi. Von den SZ-MitarbeiternNicole Büsing und Heiko Klaas

Der russische Avantgardekünstler Alexander Rodtschenko (1891-1956) wusste sich gegenüber fotografischer Konfektionsware klar abzugrenzen: "Der Journalist stürzt sich freudig auf den Sportler und platziert ihn - bestenfalls - mitten in der Sonne und vor dem Publikum. Diese Porträts sind schlecht. Sie sind nicht durchdacht bezüglich Licht und Komposition. Es steht keine Idee dahinter", schrieb er Anfang der 1930er Jahre in einem Entwurf zu einem Konferenzbeitrag. Dass es auch anders ging, nämlich Bilder vom Sport über die Faktizität der Ereignisse hinaus mit Spannung, ungewöhnlichen Perspektiven und modernen Montageverfahren aufzuladen, bewiesen er und seine Künstlerkollegen bei Fotografie, Film, Plakatgestaltung, Lithographie oder Zeitschriftenlayout. Das Olympische Museum am Sitz des Internationalen Olympischen Komitees im schweizerischen Lausanne nimmt die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi zum Anlass, bis zum 11. Mai das avantgardistische Kunstschaffen rund um den Sport in der noch jungen Sowjetunion zu untersuchen.

Abgesehen von einigen männlichen Angehörigen der Aristokratie war es die breite Mehrheit im zaristischen Russland nicht gewohnt, sich sportlich zu betätigen. Mit der Oktoberrevolution sollte sich das schlagartig ändern. Entsprechend der Losung "Sport für alle" entstanden plötzlich landesweit Sportstätten und Schwimmbäder - für Männer und Frauen. Man traf sich zur kollektiven Morgengymnastik, zu Sportfesten und Paraden. Innovative Plakate, Broschüren und Magazine propagierten den "Neuen Menschen". Im Interesse der Konstruktivisten stand nicht so sehr das Ideal des perfekt durchtrainierten Athletenkörpers, sondern vielmehr die dynamische Bewegung des Menschen im Raum - eingefangen in kühn durchkomponierten Bildern.

Die von François Albera und Daniel Girardin sorgfältig kuratierte Schau versammelt neben zahlreichen Vintage-Fotografien Alexander Rodtschenkos, Nikolai Kubeevs oder Fedor Kislovs auch Originalcollagen für Postkarten und Zeitschriftencover von Gustav Klucis und Trikotentwürfe von Varvara Stepanova. Filmausschnitte verlebendigen die von Optimismus und Fortschrittsglauben geprägte Aufbruchsstimmung vor dem Beginn der stalinistischen "Säuberungen".

Im letzten Teil der Schau untersuchen die Kuratoren dann, wie die von der russischen Avantgarde entwickelten ästhetischen Innovationen im Nazi-Deutschland pervertiert wurden. Aufnahmen des NS-Fotografen Lothar Rübelt, die am Rande der Dreharbeiten zu Leni Riefenstahls Propagandafilm "Olympia" (1936) entstanden sind, zeigen, wie durch Stilmittel der heroischen Überhöhung, pathetischen Lichtregie und Überinszenierung der gottgleiche, germanische "Übermensch" aus dem Ungeist des Rassenwahns erfunden wird. Repressionsfreier Sport für alle im Dienste von Freizeit, Gesundheit und Erholung: ein idealistisches Konzept, das sich allerdings auch in der Sowjetunion nicht lange gehalten hat. Die spätestens zu Beginn der 1930er Jahre einsetzende stalinistische Instrumentalisierung des Sports beendete die kurze Allianz zwischen Breitensport und künstlerischer Avantgarde. 1934 wurde der "Sozialistische Realismus" zur offiziellen Staatskunst erklärt. Für avantgardistische Stilübungen war da kein Platz mehr. Und spätestens mit der Erstteilnahme an Olympischen Spielen 1952 in Helsinki etablierte auch die Sowjetunion ein oftmals unmenschliches und auf sportliche Höchstleistungen hin orientiertes, elitäres System des Spitzensports.

Bis zum 11. Mai. Bis zum 30. April täglich außer montags 10-18 Uhr. Ab 1. Mai täglich 9-18 Uhr. Ostermontag geöffnet. Weitere Infos unter Tel. (00 41) 2 16 21 65 11 oder ww.olympic.org/museum.



Die Parade fotografierte Alexander Rodtschenko 1936, doch die sportlichen Ideale hielten nicht lange. Foto: ProLitteris, Zurich
Die Parade fotografierte Alexander Rodtschenko 1936, doch die sportlichen Ideale hielten nicht lange. Foto: ProLitteris, Zurich FOTO: ProLitteris, Zurich
Die Dynamik des Pferderennens hielt Alexander Rodtschenko 1935 in einem durchkomponierten Foto fest. Foto: ProLitteris, Zurich
Die Dynamik des Pferderennens hielt Alexander Rodtschenko 1935 in einem durchkomponierten Foto fest. Foto: ProLitteris, Zurich FOTO: ProLitteris, Zurich