Auf alle Zeit ein „Untoter“

Auf alle Zeit ein „Untoter“

Was es bedeutet, vom Schreiben zu leben, zeigen Briefe von Arno Schmidt eindrücklich. Im Saarländischen Künstlerhaus wurde nun eine Briefsammlung des Schriftstellers mit dem Titel „Und nun auf, zum Postauto!“ vorgestellt.

Er wolle "ins Nichts abschrammen" und damit dem Zustand eines Untoten entgehen, wofür alles Schriftliche von ihm verschwunden sein müsse, so der Wunsch des 1979 verstorbenen Schriftstellers Arno Schmidt. Ein typischer Schmidt-Satz, einer, mit dem der Autor Klaus Behringer die Präsentation eines neuen Schmidt-Buchs im Saarländischen Künstlerhaus eröffnete.

Gerade erschien anlässlich des 100. Geburtstags des Schriftstellers der von Susanne Schmidt, Geschäftsführerin der Arno-Schmidt-Stiftung und deren Vorsitzendem Bernd Rauschenbach herausgegebene Briefband "Und nun auf, zum Postauto". Diesen präsentierten die beiden zusammen mit dem Schriftstellerverband Saar und SR2 Kulturradio.

Der Band zeichne ein Bild des "poetischsten Prosaautors deutscher Sprache", sagte Behringer, auch wenn Schmidt sich in den Briefen, so Fischer und Rauschenbach, nicht zu seiner Arbeit äußere. Doch die Sammlung zeigt, was es heißt, als Schriftsteller zu leben. Dafür stehen die 160 Briefe aus den Jahren 1935 bis 1979, deren frühester Brief aus dem Jahr 1935 an den Jugendfreund Heinz Jerofsky gerichtet ist. Darin spricht Schmidt von der "goldenen Spur" der Worte, durch die sich die Dinge des Alltags wandeln und verzaubern. Diese Spur der Worte wurde für Schmidt zum Aufputz und Rüstzeug im Ringen um Geld und Anerkennung, wie die von Rauschenbach und Schmidt verlesenen Briefe an Lektoren, Verleger, Leser und an die durchaus geschätzten Kollegen Walser, Wollschläger und Rühmkorf zeigten.

Schmidt setzte seine Sprachmacht der realen Bedrohung seiner Existenz in einer Welt entgegen, in der das Arbeitsamt Schriftsteller "wie den Erfinder des fliegenden Holzpantoffels" betrachte. Das verletzte ihn, der unermüdlich arbeitete, sich neben seiner schriftstellerischen Arbeit mit Übersetzungen und Radiobeiträgen für seinen Lebensunterhalt aufrieb. Bis zwei Jahre vor seinem Tod 1977 Jan Philipp Reemtsma als Mäzen in sein Leben trat. Das hieß, wie die Auswahl der verlesenen Briefe zeigte, die "goldene Spur" der Worte zur Munition zu formen. Und schließlich eine glänzende Rüstung zu zimmern, um sich damit gegen den Unverstand der Welt an seinem Werk und seiner Existenz als Schriftsteller zu wappnen. Das mochte manchem im Publikum komisch erscheinen und zum Lachen reizen. Doch letztlich es war für ihn ein Mittel, um zu überleben, ein Mittel, das Schmidt dann doch auf alle Zeit im Stadium eines Untoten hält.

"Und nun auf, zum Postauto!". Briefe von Arno Schmidt, hrsg. von Susanne Fischer und Bernd Rauschenbach. Suhrkamp Verlag, 295 Seiten, 29 Euro.

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