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Athener Provokation

Detlef Drewes

Es war der griechische Ministerpräsident höchstpersönlich, der nach dem Spitzengespräch beim EU-Gipfel vor zehn Tagen zugesagt hatte: "Jetzt geht alles sehr schnell." Doch offenbar gilt nicht einmal sein Wort. Was die Beamten seines Finanzministers Gianis Varoufakis am Wochenende in Brüssel präsentierten, kam einer offenen Beleidigung gleich. Ein nur in griechisch und auf Tablet-Computern verfügbares Dokument, an dem man nicht arbeiten und das man auch nicht prüfen konnte. Athen führt sich in den Gesprächen mit seinen Geldgebern auf, als hätte man endlos Zeit. Dabei steht das Land vor dem Bankrott. Warum man da die Sympathien jener strapaziert, auf deren Hilfe man hoffen muss, verstehe, wer will. Es scheint, als wolle die Links-Rechts-Koalition in Athen eine Konstellation heraufbeschwören, die einen Euro-Ausstieg unumgänglich macht - und ihn den unwilligen Geldgebern in die Schuhe schieben.

Dabei müsste Tsipras wissen: Die Griechen wollen eine bessere Zukunft, aber keinen Austritt aus dem Euro. Und nicht wenige beginnen zu verstehen, dass die neue Regierung mit ihrem Schlingerkurs die Lage weiter verschlechtert. Die Vorgänger haben mit ihrer verhassten Sparpolitik mehr erreicht. Tsipras' populistischer Kurs gegen die Euro-Familie verfängt auch zu Hause immer weniger, seine Politik der Konfrontation schafft nicht das wichtigste Kapital, das Hellas braucht: Vertrauen.

Bei den Geldgebern verliert daher der Gedanke an einen Grexit, das Ausscheiden Athens, seinen Schrecken. Die nächste Woche könnte dabei entscheidend sein. Weil Athen entweder einlenken oder der Währungsunion den Rücken kehren wird. Aber beide Varianten bergen Probleme. Im ersten Fall wird ein drittes Hilfspaket unvermeidlich sein. Aber auch den Grexit könnte das Land ohne Hilfe von außen nicht meistern. Er würde für die Europäer sogar noch teurer. So bleibt Brüssel nicht viel anderes übrig, als Hellas am Ende im Euro zu halten - und zu hoffen, dass die Regierung in Athen auf eine verlässliche Politik einschwenkt.

Grund genug für Tsipras gäbe es: Er würde nicht nur die ausstehenden Gelder einstreichen. Auf seine Landsleute warten weitere Zahlungen aus den gut gefüllten Brüsseler Fördertöpfen - für Landwirte, verbesserte Infrastruktur, Tourismus, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Das sollte Athen nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Was die Geldgeber dafür fordern, ist weder unanständig noch überzogen. Der Katalog enthält, was Irland, Spanien, Portugal und sogar Zypern wieder auf die Straße des Wachstums zurückgebracht hat. Das wäre auch in Griechenland möglich. Aber der Weg dorthin heißt Kooperation, nicht Konfrontation. In dieser Woche geht es für Athen um alles.