Anton Tschechow: Menschenfreund und Meister-Erzähler

Anton Tschechow: Menschenfreund und Meister-Erzähler

Saarbrücken. Am 17. Januar 1860 wurde Anton Pawlowitsch Tschechow (Bild: epd) in Taganarog (Südrussland) geboren - einer der besten Menschen des 19. Jahrhunderts

Saarbrücken. Am 17. Januar 1860 wurde Anton Pawlowitsch Tschechow (Bild: epd) in Taganarog (Südrussland) geboren - einer der besten Menschen des 19. Jahrhunderts. Er war nicht nur ein Mediziner, der auch half, wenn kein Honorar in Aussicht stand, ein Geschichtenerzähler von mitunter weltliterarischem Rang, er war vor allem ein Dramatiker, der Impulse für Theater in aller Welt gegeben hat und heute noch gibt. Er schrieb nicht nur zur Verbesserung des Menschengeschlechts, er tat auch selbst einiges dafür und setzte sich vor allem entschieden für die Erniedrigten und Beleidigten ein. Sein Bericht aus Sachalin - zur Zarenzeit war die Kurileninsel nördlich von Japan ein Ort für Verbannte - sollte all jene Dramatiker heute beschämen, die weder etwas zum Krieg zu sagen wissen, noch zum Niedergang deutscher Bühnen. Tschechow musste gegen chaotische Familienverhältnisse ankämpfen, um Medizin studieren zu können. Er verdiente sein Geld, indem er Geschichten schrieb - viele sind lesenswert bis heute. Als Anfänger räumten ihm die Zeitschriften nur wenig Platz ein. So machte er aus dem Fluch eine Tugend und sparte auch später, als ihm mehr Platz zur Verfügung stand, Überflüssiges aus: "Fülle in der Gedrängtheit", rühmte Thomas Mann 1954. Schon zu seinen Lebzeiten gelang ihm der Durchbruch als Dramatiker, das Moskauer Künstlertheater kümmerte sich mit mehr Liebe als wirklichem Verständnis um seine Dramen - Anton Pavlovic war ganz und gar nicht einverstanden. Er fühlte sich - und war offenbar auch - missverstanden, vor allem von Stanislawskij, der seine Schauspiele als Tragödien inszenierte. Tschechow sah sie als Komödien. Vor einer Generation belebte sich diese höchst ergiebige Debatte, ob man heutzutage Tschechows Stücke als Lust- oder Trauerspiel aufführen sollte, erneut. Konservative wie Rudolf Noelte neigte zur Tragödie: Er trauerte der alten Welt der untergehenden Aristokratie nach. Jüngere wie Niels-Peter Rudolph machten sich lustig über die Figuren, die immer etwas unternehmen wollten ("Nach Moskau!"), aber den Hintern nicht hoch bekamen. Als ein Bekannter Tschechow 1902 erzählte, Stanislavskijs Drei-Schwestern-Inszenierung habe ihn zu Tränen gerührt, erläuterte der Dramatiker seine entgegengesetzte Absicht: "Ich wollte den Menschen nur offen sagen: Schaut euch selbst an, schaut, wie schlecht und langweilig ihr lebt!" Tschechow starb am 15. Juli 1904 in Badenweiler an Schwindsucht. Heute zieren häufig seine großen Dramen, die er am Ende seines kurzen Lebens schrieb, das Repertoire deutscher Bühnen - wobei die Anspielungen auf den Niedergang der herrschenden Klasse im Vordergrund stehen. Im "Kirschgarten" zum Beispiel wird deutlich, dass der Vierakter am Vorabend der Revolution spielt. Die besseren Herrschaften sind nur noch in der Lage, Geld auszugeben - ihre Sensibilität ist einem enormen Egoismus gewichen, sie sind der Konkurrenz mit dem neuen, ökonomischen Denken der Kaufleute nicht gewachsen. Man kann das Stück wunderbar in Kostümen von heute spielen. Zur Zeit wird Tschechows "Krankenzimmer Nr. 6", eine lesenswerte Erzählung, in der en miniature allgemeine Zustände dargestellt sind, von Dimiter Gotscheff für die Bühne bearbeitet; Uraufführung ist im Frühjahr im Deutschen Theater Berlin.

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