Ans Glück glauben? Eine fatale Idee

Ans Glück glauben? Eine fatale Idee

In Richard Yates vor fünf Jahren auf Deutsch erschienenem Erzählungsband "Verliebte Lügner" taucht eine wenig talentierte Bildhauerin auf. Sie inszeniert sich im Greenwich Village eine Art Boheme-Leben und träumt von einer Bedeutsamkeit, die durch ihr Werk nicht gerechtfertigt ist. Sie kämpft ebenso erfolglos gegen den Alkohol wie gegen ihre Borniertheit

In Richard Yates vor fünf Jahren auf Deutsch erschienenem Erzählungsband "Verliebte Lügner" taucht eine wenig talentierte Bildhauerin auf. Sie inszeniert sich im Greenwich Village eine Art Boheme-Leben und träumt von einer Bedeutsamkeit, die durch ihr Werk nicht gerechtfertigt ist. Sie kämpft ebenso erfolglos gegen den Alkohol wie gegen ihre Borniertheit. Ihr Triumph, eine Büste von Präsident Franklin D. Roosevelt anfertigen zu dürfen, wird zugleich zur größten Niederlage: Das Ding ist zu klein, missraten, niemand nimmt Notiz davon.

Diese Frau hat gewisse Ähnlichkeiten mit Richard Yates' Mutter. Sie hat in mehreren seiner Bücher einen Auftritt. Auch in dem erstmals 1978 veröffentlichten Roman "Eine gute Schule", der nun in der gelungenen Neuübersetzung von Eike Schönfeld die bei DVA langsam zur Werkausgabe anwachsende Wiederentdeckung von Yates fortsetzt, bleibt diese exaltierte Mutter ihren Selbstbetrügereien treu: "Ich wusste, sie war unvernünftig und verantwortungslos, sie redete zu viel, sie machte wegen nichts irrwitzige Szenen", so wird sie gleich auf den ersten Seiten vorgestellt - und der Ich-Erzähler, unverhohlen ein Alter ego von Richard Yates, entdeckt diese Charakterzüge durchaus auch an sich. Die Geschichte spielt in den frühen 1940er Jahren. Bei einer Hochzeitsfeier in feinen Kreisen bekommt die Mutter den Rat, ihren Sohn William an die Dorset Academy in Connecticut zu schicken. Eine gute Schule sei das, in der Jugendlichen Verständnis entgegengebracht werde. Dass niemand von der Dorset Academy gehört hat und sich schließlich herausstellt, dass dort eher Jungs aufgenommen werden, "die keine andere Schule haben wollte", ändert nichts mehr an dem Vorhaben: William Grove wird angemeldet, und im ersten Jahr durchleidet er, was alle Neuen in Jungs-Internaten durchleiden müssen: demütigende Aufnahmerituale und die Rauheit einer Gruppe, die schon gefestigt ist und jedem Neuzugang gehörige Anpassungsleistungen abverlangt. Nach und nach lernt er das System dieser Schule verstehen.

Yates gelingt es beiläufig, Charakterporträts zu zeichnen, nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer in ihren Zwängen und verloren gegangenen Träumen zu spiegeln. Unvergesslich ist die Geschichte des durch Kinderlähmung behinderten Biologie-Lehrers Jack Draper, dessen Frau eine Affäre mit dem Französisch-Lehrer pflegt. Yates beschreibt die Erniedrigung dieses Mannes nicht; er setzt sie vielmehr ins Bild. Meisterlich schildert er einen Selbstmordversuch, der scheitert - wie alles in diesem Leben nach und nach.

Im Hintergrund ist stets der Krieg zu ahnen, dem die Schüler mit jeder Prüfung ein wenig näher rücken. Als müssten sie ihren Abschluss nur noch hinter sich bringen, um anschließend so schnell als möglich an eine Front geschickt werden zu können.

Yates' Roman kommt nicht an die meisterlichen Bücher "Zeiten des Aufruhrs" oder "Easter-Parade" heran, aber auch dieses Werk des 1992 im Alter von 66 Jahren gestorbenen Autors hat jenen bewundernswert einnehmenden, zurückgenommenen Ton. Wer mehr über Yates erfahren will, kann das mit der von Rainer Moritz verfassten Biografie "Der fatale Glaube an das Glück" tun. Der Titel könnte all den Büchern von Yates als Motto dienen.

Richard Yates: Eine gute Schule. DVA. 231 Seiten. 19,99 Euro.

Rainer Moritz: Der fatale Glaube an das Glück. Richard Yates - sein Leben, sein Werk. DVA. 208 Seiten. 19,99 Euro.