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Ankern in den Buchten des Lebens

So hat Roland Stigulinszky sich selbst gezeichnet. Foto: Stigulinszky/Gollenstein
So hat Roland Stigulinszky sich selbst gezeichnet. Foto: Stigulinszky/Gollenstein
Saarbrücken. Es gibt Leute, die gehen nie in Rente. Zu ihnen gehört ganz offenbar Roland Stigulinszky. Statt einer ruhigen Kugel schiebt der Autor und Karikaturist, der am Mittwoch 83 Jahre alt geworden ist, lieber seine spitze Feder übers Papier. "Fast täglich", wie er bei seiner Lesung an seinem Geburtstag in der Stiftung Demokratie in Saarbrücken, versichert Von SZ-Redakteurin Esther Brenner

Saarbrücken. Es gibt Leute, die gehen nie in Rente. Zu ihnen gehört ganz offenbar Roland Stigulinszky. Statt einer ruhigen Kugel schiebt der Autor und Karikaturist, der am Mittwoch 83 Jahre alt geworden ist, lieber seine spitze Feder übers Papier. "Fast täglich", wie er bei seiner Lesung an seinem Geburtstag in der Stiftung Demokratie in Saarbrücken, versichert. Und so sind in den vergangenen zwei Jahren rund 130 Gedichte entstanden, die - zusammen mit älteren satirisch-humoristischen Texten aus den 80er Jahren und Cartoons - jetzt im Merziger Gollenstein Verlag erschienen sind.


"Tagebuchten" hat der auch unter dem Kürzel "Stig" bekannte Karikaturist und Autor sein neuestes Buch betitelt. Jedes Gedicht ist datiert, und so wird die Sammlung zum lyrischen Tagebuch. Stigulinszky nimmt den Leser mit auf sein "Lebensschiff". Auf dieser chronologisch dokumentierten Gedicht-Reise durch die vergangenen zwei Jahre hält der Dichter immer wieder inne, geht in den "Tagebuchten" vor Anker, um seine Gedanken und Beobachtungen zu ordnen - und gewohnt scharfsinnig zu Papier zu bringen. "Die Lebenstage sind wie lange Fluchten, die du durcheilst. Und manchmal mündest du in dieser Tage Buchten, wo du, den Tag verbuchend und nach seinem Vermaß suchend, verweilst."

Doppeldeutig und hintersinnig beschreibt der begnadete Wortspieler die politischen Zustände, messerscharf in seiner hochaktuellen Analyse: "…Lies die Zeitung! Guck Tiewie: Banken gehen in die Knie! Überall der Fall des Falles!" schrieb er am 22. Juli 2008. Die älteren Satiren fügen sich in den Band ein. So haben Stigulinszkys "Zeitgeistliche Worte" von 1986 oder die "Lebenshilfen" von 1989 auch heute Aktualität.



Zum Brüllen komisch sind seine Beobachtungen über die neuesten Modetrends "Hüfthose" und "Bauchfrei": " . . . der Hüftspeck quillt aus den Figüren (die Nieren wernse später spüren) und wenn sich die Damen bücken, zeigt sich - mir versagt die Stimme! - . . . stückweis der Beginn der Kimme!". Gleichermaßen vergnüglich sind auch die erotisch-frivolen Beiträge, die Stigulinszky - jugendlichen Schalk im Nacken - sich partout nicht verkneifen kann. Und so ist der Band auch lesenswert fürs jüngere Publikum - das allerdings bei der Lesung weitgehend fehlte. Dort erwies der altbekannte Stig-Fanclub älteren Jahrgangs dem Meister und Geburtstagskind die Ehre.

Der 83-Jährige setzt sich in vielen Gedichten intensiv, zuweilen sehr ernsthaft mit dem eigenen Altern auseinander. Viele Gedanken zur Vergänglichkeit sind in Naturlyrik verpackt, die Jahreszeiten strukturieren das Buch. In "Schiff ahoi" ist Stigs "Lebensschiff" zwar "noch nicht leck", doch "äugt (er) nach den Rettungsbooten. . . Das Alter ähnelt schwachem Dümpeln, der Wind ist eingeschlafen. Die einstmals straffen Segel schrümpeln. Da ist der Hafen." Dann wieder nimmt der Satiriker den dräuenden Tod mit Humor aufs Korn - und schreibt schon mal das Nachwort: " . . .So schreib ich mal den Epilog. DAS muss ich unbedingt noch sagen: Grad wenn du weißt, was wirklich wog, Dann gehts dir an den Kragen." Durch solcher Art Heiterkeit schimmert ein wenig Melancholie. Doch Stigulinszky, der lebendige Geist, hat nicht vor, bald die Segel zu streichen, auf "Abschiedstournee" zu gehen - so der Titel eines Gedichtes. Zu vieles liegt noch in seiner Schatzkiste. Zudem: Auch mit 83 sind noch Buchten unentdeckt . . .

Roland Stigulinszky: Tagebuchten. Gollenstein Verlag, 190 S., 10 Euro.

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Gedicht

Widerspiegel

"Ein hartes Licht

auf dich

gerichtet.

Der Stift

in deiner Hand,

der gnadenlos

dich trifft.

Du bist gewichtet.

Sei unterrichtet.

Sieh dein Gesicht."

R. Stigulinszky,

23.12.2007

So hat Roland Stigulinszky sich selbst gezeichnet. Foto: Stigulinszky/Gollenstein
So hat Roland Stigulinszky sich selbst gezeichnet. Foto: Stigulinszky/Gollenstein