Analytiker ohne Waffenschein: Fabeln von Botho Strauß

Botho Strauß hat „Fabeln von der Begegnung“ veröffentlicht, kleine, nicht immer ganz leicht zu lesende Texte. Einmal mehr zeigen sie den Dramatiker und Autor als scharfsinnigen Menschenkenner.

Nachdem eine Zeitung Botho Strauß in der Uckermark besucht und danach eine Homestory veröffentlicht hatte, diskutierten im Netz allen Ernstes die User, ob der Dichter für seinen Gehstock - eine in Portugal hergestellte Extraanfertigung mit Klinge - einen Waffenschein brauche. Erstaunlich, dass ein anspruchsvoller und nicht selten elitär gescholtener Schriftsteller wie Strauß heute noch die Gemüter erregen kann …

Klar braucht der Mann einen Waffenschein! Besitzt er doch, um die zugegeben ziemlich abgenutzte Metapher zu bemühen, einen messerscharfen Verstand, mit dem er nun schon seit Jahrzehnten präzise das menschliche Zusammenleben seziert. Auch im neuen Buch gibt er sich als umsichtiger Analytiker. "Fabeln von der Begegnung" heißt es, obwohl es sich bei den wenigsten Texten um Fabeln handelt. Eine Lehre lässt sich trotzdem aus allen ziehen. Man muss sich nur Zeit nehmen. Denn leicht macht es dieser Autor seinen Lesern nicht.

Greifbar wie ein Bildnis blitzt in den kurzen Prosatexten und surrealen Traumsequenzen die Wahrheit auf. Psychologisch sind die Begebenheiten immer fein motiviert und gut beobachtet. Oder wie Botho Strauß auf der ersten Seite quasi als Leitfaden selbst schreibt: "Nur geschildert, verführen sie in eine unentrinnbare Handlung, bezwingen mit Bildern nur in Worten - Bildern, die man niemals zeigen könnte, ohne auf den Glamour von Mehrdeutigkeit zu verzichten, der nur gut gewählte Worte umgibt."

In ihrer Diffusität bezaubern die Prosaskizzen. Aus jeder von ihnen ließe sich ein ganzer Roman machen. Die erblondete frohe Frau, die zu ihrem ehemals blonden Mann "Ich liebe dich" sagt. "Er indessen, an zweiter Stelle, brachte denselben Satz, den er in der Gleichzeitigkeit schon auf den Lippen hatte, nicht mehr heraus." Oder die beiden alten Männer, die als Rivalen "um die warme Bettstelle" einer Frau buhlen. Als die ihnen das Angebot unterbreitet, am einen Tag den einen, am anderen den anderen an ihrer Seite zu dulden, will keiner sie mehr haben.

All den schwebenden Szenen ist anzumerken, dass ihr Autor von der Bühne kommt. Jede dieser bezaubernden Prosaskizzen ist ein Part des großen Welttheaters, das Strauß seit Jahrzehnten fortschreibt. Kritiker mögen einwenden, es handle sich nur um eine Prosafassung seiner "Paare, Passanten" (1981). Stimmt. Das schmälert aber nicht die Qualität dieser Texte, aus denen erstaunliche Menschenkenntnis spricht.

Neben Handke ist Botho Strauß der große Einzelgänger der deutschsprachigen Literatur. Beide haben sich abgewendet von der banalen Gegenwart, in der jeder meint, er sei ein Autor, wenn er kurz mal seine Befindlichkeiten im Internet postet. Wie lange einer wie er wohl noch ein Publikum finden wird?

Botho Strauß: Die Fabeln von der Begegnung. Hanser Verlag, 244 Seiten, 19,90 Euro.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort