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„Amor bleibt immer ein Kind“

Die Frauen mochten ihn – und er mochte die Frauen. Doch wer Goethe am nächsten stand, darüber streiten sich die Literaturwissenschaftler seit Jahren. Ein neues Buch stützt nun eine These, die der Goethe-Gesellschaft und der Stiftung Weimarer Klassik gar nicht gefällt. Traudl Brenner

Goethe hatte gern mit Frauen zu tun - ob nun platonisch oder nicht. Vor allem Charlotte von Stein habe in seiner Weimarer Zeit sein Herz betört - so hieß es jedenfalls bisher. Doch dann erschien vor elf Jahren das Buch eines italienischen Juristen, Ettore Ghibellino. Der vertritt die These, Frau von Stein habe nur als "Strohfrau" fungiert, als weiblicher Sündenbock sozusagen, um die Tatsache der "verbotenen Liebe" zwischen Goethe und der Herzoginmutter Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach zu vertuschen. Die hatte nach dem frühen Tod ihres Mannes das Land regiert und Weimar zur kulturellen Blüte gebracht.

Dann wurde ihr Sohn Carl August Herzog und zog Goethe an seinen Hof. Und der habe sein Herz an die zehn Jahre ältere Anna Amalia verloren. Sie sei lebenslang, sogar über ihren frühen Tod 1807 hinaus, Goethes wirkliche große Liebe gewesen, seine "unsterbliche Geliebte ". Die Herzogin habe diese Liebe zu ihren Lebzeiten erwidert, in jeder Hinsicht. Was natürlich nicht ans Tageslicht kommen durfte. Weshalb die 1600 - erhaltenen - Goethe-Briefe an Charlotte adressiert gewesen seien, die sie dann heimlich der Herzogin übergeben habe.

Da hat der Italiener wahrhaft in ein Wespennest gestochen - die Vorstände der Goethe-Gesellschaft und der Stiftung Weimarer Klassik haben getobt. Sie glauben fest an Goethes Beziehung zu Frau von Stein, und dass eben diese zunächst seine - gar nicht so heimliche - Geliebte war. Neben ein paar weiteren, nicht ganz so heimlichen, die später noch dazukamen.

Ein Literaturwissenschaftler nimmt Ghibellinos Argumente nun endlich ernst. Und er fordert die Goethe-Gesellschaft auf, sich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Anna-Amalia-These nicht länger zu widersetzen. So ist jetzt ein weiteres Buch zu diesem Thema erschienen, das Ghibellino trotz mancher Einwände recht gibt: Wilhelm Solms, emeritierter Literatur-Professor an der Uni Marburg und als Goethe-Forscher bekannt, hat Goethes Liebesgedichte seziert, Silbe für Silbe, Steinchen für Steinchen ein Puzzle zusammengetragen, das die Ghibellino-These zu bestätigen scheint - und deutlich macht, dass es da um eine klug verhüllte, aber durchaus erfüllte Liebesbeziehung gegangen sein dürfte.

Das Epigramm "Ungleiche Heirat" ist demnach eines der Beispiele, die die Herzogin-These zu belegen scheinen: "Selbst das himmlische Paar fand doch sich ungleich zusammen, / Psyche ward älter und klug, Amor bleibt immer ein Kind" heißt es da - was soviel bedeute wie: Warum dürfen dann nicht auch sie, der aus dem Bürgertum aufgestiegene Dichter und die Herzogin, sich vermählen? Solms zitiert den Beginn der Marienbader Elegie: "Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen / Das Paradies, die Hölle steht dir offen. / Kein Zweifeln hier! Sie tritt ans Himmels Tor / Und hebt zu ihren Armen dich empor." Wenn sie den Dichter am Himmelstor empfängt, müsse sie bereits gestorben sein. Deshalb könne nicht die junge Ulrike von Levetzow gemeint sein, wohl aber die schon vor langem verstorbene Herzogin.

Wer hat Recht? Der Streit unter den Wissenschaftlern wird wohl weitergehen. Die ganz normalen Goethe-Fans wird eher weniger interessieren, an wen die Gedichte gerichtet waren. Hauptsache, sie lesen sie.

Wilhelm Solms: Das Geheimnis in Goethes Liebesgedichten. LiteraturWissenschaft.de, 178 Seiten, 14,90 Euro.