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Amerikas böse Geister gehen wieder um

Washington. Als Barack Obama ins Weiße Haus einzog, sahen viele darin den Beleg für die Geburt eines neuen Amerika. Eines Landes, das mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten die bösen Geister der Rassentrennung endgültig gebannt hat und sich nun als Prototyp einer multikulturellen Gesellschaft empfiehlt. Von SZ-KorrespondentThomas Spang

Für einen Moment schien das Versprechen des oft zitierten Schmelz tiegels USA Wirklichkeit zu werden. Dieser Traum ist mit dem Freispruch im Prozess um den gewaltsamen Tod des 17-jährigen Trayvon Martin zerplatzt.

Alte Wunden entlang der Grenzen von Rasse und Klasse brechen nun mit voller Wucht wieder auf. Sogar die Furcht vor ethnischen Unruhen geht um, Erinnerungen an die Unruhen von 1992 in Los Angeles werden wach. Nach dem Freispruch für vier Polizisten, die wegen Misshandlung des Afro-Amerikaners Rodney King angeklagt worden waren, hatte damals ein wütender Mob die Schwarzen-Viertel der Stadt in ein Schlachtfeld verwandelt. Auch jetzt ist die Wut der Afro-Amerikaner über den Freispruch des Nachbarschafts-Wächters George Zimmerman mit Händen zu greifen. Sie reiht sich ein in die Verbitterung wegen der fortdauernden Benachteiligung im Wirtschaftsleben und bei der Bildung.

Eltern müssen sich nun um die Sicherheit ihrer Jungen sorgen, Frauen um die ihrer Partner und Kinder um die ihrer Väter. Hat das Urteil von Sanford ausgerechnet im Amerika Barack Obamas die "Jagdsaison" auf schwarze Männer eröffnet, wie es ein Kolumnist bitter suggeriert? Der Eindruck jedenfalls entstand. Wie sonst kann es sein, dass ein bewaffneter Bürgerwehrmann einen Schuljungen auf dem Weg zum Haus seines Vaters verfolgen darf, nur weil ihm dessen Nase nicht gefällt? Und dass der Nachbarschafts-Helfer dann Notwehr geltend machen kann, wenn der Bedrängte sich verteidigt? Mit dieser Logik fände sich doch immer ein Anlass, dunkelhäutige Träger von Kapuzen-Pullovern herauszufordern und bei Gegenwehr zu erschießen.

Niemand brachte diese Sorge deutlicher zum Ausdruck als Obama selbst. Hätte er einen Sohn, so der Präsident, dann sähe dieser wie Trayvon Martin aus. Und er hätte das Recht in Florida und mehr als zwei Dutzend anderen US-Bundesstaaten gegen sich. "Stand your Ground" heißen die Gesetze, die es erlauben, den Abzug zu betätigen, wenn man sich "bedroht fühlt". Völlig unabhängig davon, wie jemand in eine solche Situation gekommen ist. Aus der Kombination von laxen Waffengesetzen, die Leuten wie Zimmerman das Tragen einer halbautomatischen Neun-Millimeter-Pistole erlauben, und einer weiten Auslegung des Notwehr-Begriffs entsteht eine potenziell tödliche Mixtur.

Obama findet sich nun in der paradoxen Situation wieder, als erster Afro-Amerikaner im Weißen Haus seine Worte auf die Goldwaage legen zu müssen. Sagt er zu viel, halten ihm die Republikaner vor, er wiegele die Schwarzen auf. Übt er Zurückhaltung, entfremdet ihn das von den schwarzen Bürgerrechtlern. Gewiss sollte sich der Präsident nicht in die Frage einmischen, ob sein Generalstaatsanwalt wegen Hassverbrechen gegen Zimmerman vorgeht oder nicht. Das gebietet die Unabhängigkeit der Justiz. Dennoch muss Obama noch einmal deutliche Worte zum Zimmerman-Urteil finden. Sonst droht der Schmelztiegel zu einem Pulverfass zu werden.