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Alzheimer, kindgerecht

Saarbrücken. In den Probenpausen liegt Jürgen Kirchhoff flach. Anders als bei Janneks Opa, seiner Bühnenfigur, sitzt die Krankheit nicht im Kopf, sie sitzt in den Hüften. Also verschafft ihm Regisseur Thomas Hölzl Erleichterung: Kirchhoff absolviert seine Rolle im Rollstuhl. Verdammt dicht dran an der eigenen, momentan schmerzgequälten Existenz des 67-Jährigen Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken. In den Probenpausen liegt Jürgen Kirchhoff flach. Anders als bei Janneks Opa, seiner Bühnenfigur, sitzt die Krankheit nicht im Kopf, sie sitzt in den Hüften. Also verschafft ihm Regisseur Thomas Hölzl Erleichterung: Kirchhoff absolviert seine Rolle im Rollstuhl. Verdammt dicht dran an der eigenen, momentan schmerzgequälten Existenz des 67-Jährigen. Nach 25 Jahren Saarbrücker Staatstheater ging er 2007 in Rente, nun wartet er auf eine Hüftgelenks-Operation. Die Arthrose habe ihn beinahe zum Morphinisten gemacht, sagt er. Scherzhaft? Das Rheumamittel Ibuprofen kennt er auch. Es hilft angeblich gegen Alzheimer. Kirchhoffs Psycho-Schutzwall ist solide gemauert. Zum einen belegten Studien, sagt er, dass Menschen, die ihr Gedächtnis fit halten - Schauspieler etwa - seltener Alzheimer bekämen. Zum anderen war Kirchhoff bisher weder bei Freunden noch in der Familie mit der Krankheit konfrontiert: "Alle zogen vor, früh zu sterben." Überhaupt habe er gegenüber Alters-Einschränkungen Geduld gelernt. Mit einer Portion Zynismus: "Ich könnte eine Brille tragen. Aber ich genieße es, manche Menschen nicht mehr ganz so gut zu sehen. Eine Wohltat!" Die große Betroffenheits-Nummer liegt Kirchhoff nicht. Alzheimer erscheint ihm nicht mehr oder weniger angsteinflößend als Krebs. Der einzige Reflex bei Annahme des Engagements sei gewesen: "Darf ich da meinen Text vergessen?"


Überzwerge-Chef Bob Ziegenbalg hat für die Uraufführung von "Am Horizont" eine "alte Hofgemeinschaft" aus dem Umfeld des ehemaligen Theaters Arnual wieder aufleben lassen. Hölzl war ebenfalls bis 2007 am SST engagiert. Seine Frau Johanna van Erden ist Autorin, schrieb das Demenz-Stückes "Oma Ur", das 2006 bei den Überzwergen herauskam.

Nun inszeniert Hölzl "Am Horizont", das Stück der Saarbrückerin Petra Wüllenweber, das den klinischen Ablauf der Krankheit durchdekliniert - von Verwirrungen bis hin zum brutalen Verdämmern. Zuerst will Janneks Opa im Bademantel ins Kino, später quält er seinen Enkel mit Misstrauen und Wut-Attacken, schließlich hat er ihn vergessen. - Stadien, die Hölzl aus seiner Familie mehrfach kennt. Nicht die letzte Phase, "wenn die Kranken abgereist sind", hält er für die schlimmste, sondern die erste der Realitäts-Leugnung: "Wer seine Probleme nicht wahrhaben will, dem kann man nicht helfen." Im Stück ist der Opa freilich sehr erkenntnisfähig, erklärt seinem Enkel das "schwarze Loch", in das alles hineinrutscht: Namen, Regeln, Erinnerungen. Zum Schluss: emotionale Bindungen. Eine grausame Situation für die Angehörigen, samt Abschiedsschmerz und Verlustangst. Diesen Verzweiflungs-Tönen gibt das Stück kaum Raum - mag sein, das würde Kinder überfordern. Sie sehen hier statt dessen, wie ein liebevoller Umgang aussehen könnte: Jannek führt Opa die neueste Mailänder Windel-Mode vor.

Hat der demenzerfahrene Hölzl noch was gelernt? "Das Stück ist für Kinder gedacht und nicht für 50-Jährige. Und ein inkontinenter Onkel, der nachts rumort - dagegen bleibt eine noch so starke Theaterfigur doch ziemlich blass."

Termine: Uraufführung am Sonntag, 15 Uhr; 28., 29., 30., 31. Mai; wieder ab 19. Juni.



Info: Tel. (06 81) 85 40 21.