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Als das Saarland am Abgrund stand

Die Stahlarbeiter demonstrierten lautstark für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Foto: wunderlich
Die Stahlarbeiter demonstrierten lautstark für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Foto: wunderlich FOTO: wunderlich
Völklingen. Der Schock saß tief. Der Saarstahl-Konkurs ist vor 20 Jahren eröffnet worden. Nach hartem Ringen und dem Verlust tausender Arbeitsplätze stand am Ende die Neuorientierung der saarländischen Stahlindustrie. Von SZ-RedakteurLothar Warscheid

Es war ein warmer Sommertag, zumal noch ein Wochenende. Der Völklinger Amtsrichter Jürgen Grünert musste an diesem Samstag, dem 31. Juli 1993, trotzdem ran, um den Konkurs über das Vermögen der Saarstahl AG "wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung" zu eröffnen.

Der Konkurs heute vor 20 Jahren bildete den vorläufigen Schlusspunkt einer saarländischen Wirtschaftstragödie. Arbed-Saarstahl, die spätere Saarstahl AG, war eigentlich schon 1983 pleite, gebeutelt von einer schweren Stahlkrise. Nur milliardenschwere Zuschüsse und Bürgschaften von Bund und Land hielten den Industriekomplex mit seinen damals noch 20 000 Mitarbeitern über Wasser. Selbst diese mussten einspringen und die Hälfte ihres Weihnachtsgeldes für 1983 dem Unternehmen als "Kredit" zur Verfügung stellen. In den Jahren danach erholte sich die Stahlindustrie ein wenig, dennoch mussten mehr als 5100 Arbeitsplätze abgebaut werden.

Man nutzt die Atempause für eine Neuordnung. Die Saarstahl AG und die Dillinger Hütte rücken 1989 unter dem Holding-Dach der DHS enger zusammen. Dort hat der französische Stahlkonzern Usinor Sacilor mit 70 Prozent das Sagen. Dem Saarland wird eine Sperrminorität von 27,5 Prozent eingeräumt, die restlichen 2,5 Prozent hält der Luxemburger Stahlkonzern Arbed. Die Personalanpassungen gehen weiter. Zu Beginn der 1990er Jahre ziehen wieder dunkle Wolken auf. An jedem Tag fährt Saarstahl zur Jahreswende 1992/1993 einen Verlust von einer Million D-Mark (510 000 Euro) ein. DHS-Chef Roland de Bonneville und Saarstahl-Vormann Guy Dollé reisen Mitte Mai 1993 nach Paris, um bei Usinor Sacilor eine Kapitalerhöhung zu erreichen. Konzernchef Francis Mer zeigt ihnen die kalte Schulter: "Rien ne va plus - nichts geht mehr".

Am 18. Mai muss Saarstahl Konkursantrag stellen. Zu Sequester- und später zu Konkursverwaltern ernannte Grünert den Stahlmanager Jean Lang und den Stuttgarter Rechtsanwalt Hans Ringwald - ein ausgefuchster Konkursprofi. Grünert ordnete außerdem die Fortführung des Betriebs an. "Wir betraten damit juristisches Neuland." Die notwendigen Schritte organisiert Grünert von zu Hause aus, "weil ich als einfacher Richter vom Büro aus nur Ortsgespräche führen durfte". Am Abend des 18. Mai schlägt die große Stunde von Ministerpräsident Oskar Lafontaine (SPD). Das Unternehmen werde weitergeführt, das Land entsprechende Bürgschaften übernehmen, die Sozialpläne für die ausgeschiedenen Mitarbeiter laufen weiter. "Die Beschäftigten wissen, dass sie auf uns zählen können", gab Lafontaine zu Protokoll. Damit - so sehen es viele Beobachter - legte er den Grundstein zur Rettung von Saarstahl, auch wenn Opfer gebracht werden mussten. Denn die Belegschaft sank mit einem Schlag von 7200 auf 4500. Die 2700 Männer und Frauen wurden von der Stahlstiftung betreut. Diese Auffanggesellschaft war 1987 von dem damaligen Wirtschaftsminister Hajo Hoffmann (SPD) und Peter Hartz, dem Arbeitsdirektor der Dillinger Hütte und der Saarstahl AG, ins Leben gerufen worden. Mit dieser Konstruktion schrieben sie Sozialgeschichte.

Doch der Schock saß tief. "Verzweifeltes Ringen um die Rettung von Saarstahl" titelte am 20. Mai 1993 die Saarbrücker Zeitung. Wenige Tage später stellten sich Tausende in einer Lichterkette vor das Völklinger Stahlwerk. In der Hüttenstadt und in den Familien herrschte Zukunftsangst.

Nur einer lief zu Hochform auf: Hans Ringwald. Er plädierte schon früh für den Konkurs. Dieser sei "diktatorischer" als ein Vergleich. Der Konkurs-Wunsch wird Ringwald am 31. Juli erfüllt. Saarstahl i. K. (im Konkurs) hieß die neue Rechtsform. Das Saarland übernimmt 100 Prozent der Anteile. Im September 1993 segnet die Gläubigerversammlung die Weiterführung des Konzerns im Konkurs ab.

In den Folgejahren hatten er und Jean Lang Glück. Die Stahlkonjunktur zog wieder an. Dennoch rang Ringwald den fast 2200 Gläubigern im Herbst 1996 eine magere Quote von zehn Prozent ab. Spätestens jetzt wusste jeder, was er mit "diktatorisch" gemeint hatte. Es gab auch Interessenten für die wieder aufblühende Saarstahl AG - beispielsweise die indische Ispat-Gruppe von Lakshmi Mittal (heute Arcelor-Mittal). Ringwald lässt sie kühl abblitzen. "Mit den Indern rede ich nur übers Wetter", spöttelte er. Als einige Gläubiger wegen der guten Entwicklung eine höhere Quote forderten, ließ er sie vor laufender Fernseh-Kamera in reinstem Schwäbisch wissen, dass sie "sich diese Forderungen ins Klo hängen können". Ringwald setzt sich durch. Ende 1997 nickte die Gläubigerversammlung den Zwangsvergleich von zehn Prozent ab.

In den darauffolgenden Jahren wird die Stahlindustrie an der Saar neu geordnet. Am 28. November 2001 hebt Richter Grünert das Konkursverfahren auf. Im Frühjahr 2002 wird die so genannte Hüttenlösung umgesetzt, die bis heute gilt. Die Saarstahl-Mehrheit hält die SHS - Stahl-Holding-Saar (74,9 Prozent), den Rest die Dillinger Hütte. Für Ringwald stand "i. K." sowieso nie für "im Konkurs", sondern für "im Kommen". Er sollte recht behalten.


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HintergrundDie Saarstahl AG steht heute wieder gut da, auch wenn die Stahlkonjunktur derzeit alles andere als rosig ist. Der Konzern produzierte im vergangenen Jahr 2,32 Millionen Tonnen Rohstahl. Die Umsatzerlöse des Konzerns beliefen sich auf 2,49 Milliarden Euro. In der gesamten Gruppe - also mit Töchtern wie Saarschmiede, Saar-Blankstahl (Homburg) oder Drahtwerk St. Ingbert - sind knapp 6750 Mitarbeiter beschäftigt. Der Jahresüberschuss lag im Jahr 2012 bei 32 Millionen Euro. low

Lichterkette in Völklingen: Tausende wollten das Stahlwerk schützen, die Hüttenstadt stand am Abgrund. Foto: Engel
Lichterkette in Völklingen: Tausende wollten das Stahlwerk schützen, die Hüttenstadt stand am Abgrund. Foto: Engel FOTO: Engel