Albträume und Lichtblicke

Albträume und Lichtblicke

Erst abgründig-normale Szenen in Grau und Schwarz, dann die leuchtenden Farben von Marseille: Magische Werke von Stephan Balleux, Gabi Wagner und Ingrid Lebong sind in zwei sehenswerten Schauen zu sehen.

Ingrid Lebong und Gabi Wagner vereinen Malerei und Grafik (oben), Lebongs Mischtechnik stellt „3 Kräne“ dar (unten).

Tag gegen Nacht, friedlicher Spaziergang am Hafen gegen kaltes Grauen im Nacken: Derzeit prallen im Saarländischen Künstlerhaus zwei Welten aufeinander. Eine Welt aus leuchtenden Farben, in der Malerei auf Druckgrafik trifft. Das ist die Welt der beiden saarländischen Künstlerinnen Gabi Wagner (Druckgrafik) und Ingrid Lebong (Malerei). In dem gemeinsamen Projekt "Marseille en Sarre - Saarland in Marseille" verknüpfen sie Großstadt und Nähe zum Wasser zu faszinierenden Malereigrafiken, die an Südfrankreichs intensives Licht und seine kräftigen Farben erinnern.

Und dann ist da in Galerie 1 und 2 die Welt des Belgiers Stephan Balleux als krasses Gegenteil. Nicht weniger filigran und verträumt als die Arbeiten der Frauen, schafft der Endvierziger hier - auch mit computergenerierten Effekten - auch albtraumhaft-verzerrte Motive. In den Gemälden, Aquarellen und Kohlezeichnungen liefert Balleux Porträts oder Gruppenbilder, die auf den ersten Blick harmlos nach typischer Alltagsszene oder repräsentativem Aufstellen für ein Foto erinnern. Doch schnell entpuppt sich in den meist ironisch betitelten Werken etwas, das die Realität aufbricht: Auf dem Rücken des Japaners in historischer Tracht tanzen als kleine Figuren jene Frauen, die sich (auf der "realen" Ebene) vor ihm verneigen. Eine starrt dem Betrachter dabei pfeilgenau ins Auge. Auf einem anderen Aquarell wird ein schlafender Mann von einem weißen Kaninchen angegriffen. Einem anderen zerfließen die Hände zu Wulsten. Grau, Schwarz und Weiß erzeugen eine Bedrohlichkeit, als blicke man in den sich abrupt auftuenden Abgrund eines düsteren Mysteriums. Präsent durch am PC verzerrten Gebilde ist dabei auch die Frage, wie sich Bilder durch technologischen Fortschritt und virtuelle Erfahrungen verändern. Bei Balleux jedenfalls wird die zeitliche Verortung der Bilder aufgehoben.

Wie aus dunkler Nacht in helles Morgenlicht hinein, wandelt der Besucher dann in das Studio mit den Werken von Lebong und Wagner. Anlass für das Projekt war die Wahl Marseilles zur Kulturhauptstadt Europas 2013. Die starken Kontraste von Hell und Dunkel sowie die durchsichtigen Farbschichten geben den Gemeinschaftswerken viel Bildtiefe und Leuchtkraft. So machen Malerei und Radierung sogar aus banalen Metrotickets kleine Farbwunder mit dunklen Umrissen von Bäumen oder Waben. Daneben präsentieren die Künstlerinnen auch eigene Arbeiten. Lebong übermalt Fotos des Marseiller Hafens und erreicht durch Schwünge und Gegenschwünge eine fließende Bewegung. Wagner erzeugt mit Hoch- und Tiefdruck sowie dem Einflechten architektonischer Details eine feste und doch magische Struktur.

Die Ausstellungen sind jeweils bis zum 12. Januar im Saarländischen Künstlerhaus bei freiem Eintritt zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

Gabi Wagner gibt im Saarländischen Künstlerhaus Kurse in experimenteller Radierung. Nächste Termine am 10., 12., 14. und 15. Dezember. Info unter Tel. (01 70) 6 27 14 50 oder im Internet auf www.gabi-wagner.blogspot.com.