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Ägyptische Graffiti-Künstler in der Völklinger Hütte

Ammar Abo Bakrs „Hidden Sufi“ entstand unter dem Eindruck des Terroranschlages auf das Satireblatt Charlie Hebdo. Foto: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel
Ammar Abo Bakrs „Hidden Sufi“ entstand unter dem Eindruck des Terroranschlages auf das Satireblatt Charlie Hebdo. Foto: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel FOTO: Weltkulturerbe Völklinger Hütte/Hans-Georg Merkel
Völklingen. Street Art aus dem arabischen Raum ist ein Schwerpunkt der Urban Art Biennale im Weltkulturerbe Völklinger Hütte. SZ-Redakteurin traf die ägyptischen Künstler Ammar Abo Bakr und Hanaa el Degham, die seit Beginn der blutigen Revolution in ihrem Heimatland im November 2011 mit ihrer Kunst auf die Straßen gehen. Beide sind in der Ausstellung vertreten. Esther Brenner

Nein, politisch seien seine Wandgemälde nicht. Das sagt Ammar Abo Bakr, einer der Hauptaktivisten der wachsenden Graffiti-Szene Kairos. Nicht politisch? Wo es doch die blutigen Kämpfe zwischen den ägyptischen Revolutionären aus allen gesellschaftlichen Schichten und dem Militärregime waren, die am 18. November 2011 wie eine Initialzündung auf viele Künstler wirkten, mit ihrer Kunst auf die Straße zu gehen und sich zu positionieren. In der legendären Mohammed Mahmoud Street nahe dem Tahrir Platz - heute das Zentrum der revolutionären Street Art in Kairo - starben damals hunderte Menschen oder wurden verletzt. In der Folge kamen die Muslim-Brüder an die Macht - demokratisch gewählt.

"Politik und unsere Revolution sind zwei verschiedene Dinge", insistiert der 35-Jährige. Denn mit Politik assoziiert der Künstler, der bis 2011 an der Kunsthochschule in Luxor lehrte, Machtmissbrauch, Unterdrückung und Korruption. Sowohl das ägyptische Militärregime, das sich 2013 wieder an die Macht putschte, als auch die islamistischen Muslimbrüder hätten versucht, die Revolution der "einfachen Leute" für ihre Zwecke zu missbrauchen. Ammar Abo Bakr geht noch einen Schritt weiter: "Das Militär hat die Macht nie abgegeben, es hat die Muslimbrüder benutzt." Und deshalb gehe es darum, diese Machtstrukturen, die "schmutzigen Verbindungen" sichtbar zu machen und die politischen Akteure jeglicher Couleur "bloßzustellen". Ammar Abo Bakr und seine Mitstreiter bedienen sich dazu der Straßenkunst. Auf den Häuserwänden der Mohammed Mahmoud Street hat er die "Märtyrer der Revolution" mit Engelsflügeln dargestellt. Auch die Täter - Polizisten und Soldaten - wurden dort "geoutet", wie auf Steckbriefen sind sie zu erkennen. Die Straße als Bulletin und Mahnmal. Kunst als Mittel der Aufklärung und Provokation. Also doch politisch.

Bis heute ist Ammar Abo Bakr mit Sprühdose und Pinsel in den Straßen Kairos unterwegs. Er ist mit rund 20 weiteren Graffiti-Künstlern eng vernetzt, Street Art-Aktionen werden immer wieder neu abgesprochen. Wie gefährlich ist das? "Nicht sehr", sagt der Künstler. "Die ägyptische Regierung ist dumm. Sie erkennt die ungeheure Kraft der Straßenkunst nicht, genauso wie sie den Einfluss der sozialen Netzwerke im Internet unterschätzt hat." Und so konnten die Graffiti-Künstler weitere Straßenzüge "erobern".

In Völklingen ist das Werk "Hidden Sufi" von Ammar Abo Bakr zu sehen. Es zeigt einen traditionell gekleideten Mann, der sein Gesicht bedeckt. Am Rand steht der Schriftzug "Je suis celui qui n'a pas le droit d' être" (dt. Ich bin der, der kein Recht darauf hat zu existieren). Das Bild entstand unter dem Eindruck des islamistischen Terroranschlags auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo". Der Sufismus, mit dem sich Ammar Abo Bakr intensiv beschäftigt, umfasst mystisch-spirituelle Strömungen des Islam. Seine Anhänger werden von den Islamisten diskriminiert. Das Bild weist darauf hin, dass der islamistische Terror nicht nur gegen westliche Werte gerichtet ist, sondern auch die arabisch-muslimische Welt von innen zerstört, indem Minderheiten das Existenzrecht abgesprochen wird. Ammar Abu Bakr zieht hier eine verwegene Parallele zwischen dem Terrorakt von Paris und religiös motivierten Anschlägen anderswo: "Regime überall in der Welt benutzen Islamisten zum Machterhalt."

Eine der wenigen Frauen, die an den Graffitis in Kairo mitarbeiten, ist Hanaa el Degham (38), die allerdings vor allem in Berlin lebt. Auch sie ist mit einem Werk in Völklingen vertreten. Darauf sieht man ägyptische Frauenfiguren und eine Pharao-Büste mit Brüsten. Feministische Kunst? Nein, diese Schublade passe nicht. Vielmehr beziehe sie sich auf altägyptische Motive, die neu interpretiert zu Selbstbestimmung und Eigenständigkeit aufrufen.

Im Gespräch mit diesen beiden Künstlern wird klar, dass Ägypten - die ganze Region - noch lange nicht zur Ruhe kommen wird. "Ich bin trotzdem optimistisch", sagt Ammar Abo Bakr. Man werde weiter auf die Straße gehen, gegen das Militärregime und gegen die Islamisten . Aber wofür genau - das blieb offen.

Die Urban Art Biennale in der Völklinger Hütte läuft bis 1. November. Täglich von 10 bis 18 Uhr.


Kämpft mit Pinsel und Farbe: Ammar Abo Bakr. Foto: Bakr
Kämpft mit Pinsel und Farbe: Ammar Abo Bakr. Foto: Bakr FOTO: Bakr