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Achtung, genau hinhören!

Meinung. Sie passen zusammen. Das Wort des Jahres 2010, "Wutbürger". Der Satz des Jahres 2010, "Die Zeit der Basta-Republik ist vorbei". Und das jetzt frisch gekürte Unwort des Jahres 2010, "alternativlos". Das bedeutet, so wie Kanzlerin Angela Merkel es in der Debatte um die Hilfe für Griechenland gebraucht hat, nichts anderes als "basta" Von Ilka Desgranges

Sie passen zusammen. Das Wort des Jahres 2010, "Wutbürger". Der Satz des Jahres 2010, "Die Zeit der Basta-Republik ist vorbei". Und das jetzt frisch gekürte Unwort des Jahres 2010, "alternativlos". Das bedeutet, so wie Kanzlerin Angela Merkel es in der Debatte um die Hilfe für Griechenland gebraucht hat, nichts anderes als "basta". Ein Machtwort, das zum Unwort wurde.Warum ist es so unbeliebt? Die Menschen wollen entscheiden oder zumindest mitentscheiden. Was steckt dahinter? Der Groll darüber, dass Politiker über die Köpfe der Menschen hinweg handeln. Sie vor vollendete Tatsachen stellen. Dieser Groll hat auch dem "Wutbürger" offenkundig zum Titel verholfen. Seinen Siegeszug trat der jedoch nicht in der politischen Debatte an, sondern in deutschen Talk-Shows. Das verwundert kaum. Sind sie doch längst für viele Politiker komfortabler Ersatz für den Plenarsaal. Ist erst einmal ein einprägsames Wort gefunden, hält man gerne daran fest. Das Wort wird populär, wird Wort des Jahres, obwohl es auch zum Unwort taugte.



Wort des Jahres und Unwort zugleich? Ja, denn die, die sich "Wutbürger" nennen lassen müssen, sind Menschen, die in einer Demokratie öffentlich ihre Meinung äußern. Ist das nicht etwas Selbstverständliches?

Angela Merkel hat das Unwort "alternativlos" in der Debatte um den "Euroschirm" geprägt. Noch so ein Unwort. Wie alle Wörter, die etwas verschleiern, uns ablenken oder in die Irre führen. Es sollten Signalwörter für uns sein: Achtung, genau hinhören! Sehr häufig fallen sie im Politikbetrieb.

Ein jährlicher Wörter-Wettbewerb mit öffentlichkeitswirksamer Siegerkür ist wichtig, denn er macht uns aufmerksam. Danach aber müsste die Diskussion beginnen. Nicht über Wörter, sondern über das, was sie uns sagen oder vorenthalten.

Dazu kommt es meist nicht. Die gekürten Wörter genießen eine Zeit lang Aufmerksamkeit, viele verschwinden dann. Einige verbreiten sich aber auch. "Alternativlos" hat das schon vor seiner Wahl zum Unwort getan. Was wurde nicht alles "alternativlos" genannt? Die Gesundheitsreform, der Ausbau des Frankfurter Flughafens, das Bahnprojekt Stuttgart 21.

Das Unwort "alternativlos" ist also längst dort angekommen, wo Wort und Satz des Jahres 2010 den Ursprung hatten: beim umstrittenen Bahnprojekt Stuttgart 21.

Die Gesellschaft für Deutsche Sprache hat ihre Wahl zum Unwort 2010 damit begründet, Wörter wie "alternativlos" förderten die Politikverdrossenheit. Das stimmt. Viel mehr noch verdrießen sie uns jedoch die Politiker, die sie uns vorsetzen.