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Abschied einer Großen

Saarbrücken. "Ich mache den Beruf jetzt seit über 40 Jahren. Und plötzlich tun alle so, als wäre ich vom Himmel gefallen Von SZ-Redakteur Tobias Kessler

Saarbrücken. "Ich mache den Beruf jetzt seit über 40 Jahren. Und plötzlich tun alle so, als wäre ich vom Himmel gefallen." In der Tat - dem ganz großen Kino- und vor allem Fernsehpublikum wurde Monica Bleibtreu erst recht spät in ihrer Karriere ein Begriff: vor neun Jahren, als Dichtergattin Helene Weigel im Film "Abschied - Brechts letzter Sommer"; oder 2001 als Katja Mann in Heinrich Breloers Fernsehfilm "Die Manns - Ein Jahrhundertroman". Wer da als vage bekanntes Gesicht sperrige, schwierige Rollen spielte, hatte schon eine lange, äußerst fruchtbare Theater-Karriere hinter sich: Die Wienerin, ausgebildet am Max-Reinhardt-Seminar, spielte am Berliner Schillertheater, am Wiener Burgtheater, an der Freien Volksbühne und an den Münchner Kammerspielen.



Der liebliche Typ war sie nie, die romantische Liebhaberin nicht ihr Fach. Starke Figuren spielte sie, individuell, widersprüchlich, widerspenstig - in Stücken von Bertolt Brecht und Jean Genet, in den Klassikern von Lessing und Shakespeare. Im Fernsehen hatte sie zu dieser Zeit kleinere, aber prägnant gefüllte Auftritte, im "Kommissar", im "Tatort". Die Bühne blieb ihr künstlerisches Zentrum - bis zu den letzten Jahren, in denen das Fernsehen der Schauspiel-Professorin (1993-1998 an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg) gute Rollen bot: In "Verlorenes Land" (2001) spielte sie eine grantelnde Bäuerin, in "Marias letzte Reise" (2005) eine an Krebs Erkrankte. Zum späten Triumph geriet der gefeierte Kinofilm "Vier Minuten" (2006). Als Klavierlehrerin in einem Frauengefängnis, die sich mit einer rebellischen Schülerin zurechtfinden muss, lieferte sie eine vielschichte Darstellung: Härte, eine ungeschickte Zärtlichkeit und die Trauer um eine tragische Jugendliebe verbanden sich zu einer eindrücklichen Filmfigur. Das eigenwillige Drama bleibt Bleibtreus bekanntester Kinofilm - neben Tom Tykwers "Lola rennt", den sie 1996 mit ihrem Sohn Moritz gedreht hat.

"Ich schiebe den Tod vor mir her und vergesse gern meine Endlichkeit", sagte die seit einiger Zeit an Krebs Erkrankte. "Aber wenn die Sonne untergeht, geht sie unter." In der Nacht auf Donnerstag ist Monica Bleibtreu in Hamburg gestorben; sie wurde 65 Jahre alt.