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Soziale Spaltung nimmt zu
Abkapselung statt Austausch, wollen wir das?

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Die deutsche Gesellschaft driftet auseinander. Wenige werden immer reicher, deutlich mehr bleiben arm. Der Mittelstand lebt meist ganz passabel, mancher streckt sich nach oben, andere fürchten ihr Abrutschen auf der sozialen Leiter. Von Christoph Schreiner
Christoph Schreiner

Eine Stadt wie Saarbrücken bildet diese dreigeteilte, in Wahrheit noch viel stärker ausdifferenzierte Bevölkerungsstruktur ganz selbstverständlich ab: Niemand wundert sich mehr, dass es dort Wohnquartiere für die Gutsituierten gibt (Rotenbühl oder Triller) und solche, in denen die leben, die es weniger gut getroffen haben (Malstatt oder Burbach). Arm und Reich leben streng separiert. Das war zwar schon immer so, doch nie so extrem wie heute.


Dies verdeutlicht nun eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Sie untersuchte die soziale Ungleichverteilung in 74 deutschen Großstädten. Das Ergebnis überrascht nicht, niederschmetternd ist es dennoch: Die Ghettobildung nimmt zu. Selbstgewählt auf Seiten der Vermögenden, notgedrungen unter sozial Marginalisierten. Saarbrücken ist da keine Ausnahme, gehört jedoch bundesweit zu den Städten, in denen mit die meisten Kinder aus staatlich unterstützten Familien an die Ränder abgedrängt werden. Räumlich und perspektivisch. Weshalb die Studie warnt, dass die Vererbung von Lebensläufen oft schon programmiert ist.

Dass, wer sich dies leisten kann, „ein Zuhause in entsprechendem Umfeld“ sucht, lässt sich niemandem zum Vorwurf machen. Dennoch deutet die zunehmende Abkapselung der Klassen auf eine forcierte Entsolidarisierung hin. Wo bleibt denn die Chancengleichheit jener Kinder, die in Saarbrücken immer häufiger in Problemlagen aufwachsen?



Wo müsste die Stadtpolitik ansetzen, um immer neue schichtenspezifische Sozialinseln zu verhindern? Die größte Durchmischung brächte eine Verlagerung des sozialen Wohnungsbaus auch in bevorzugte Wohnlagen. Nur: Investoren wie Alteingesessene werden das zu verhindern wissen. Dabei täte es den Selbstheilungskräften der Gesellschaft nur gut, begünstigte die Wohnungspolitik mehr Austausch. Sinnvoll wäre es auch, die Belegungsbindung von Sozialwohnungen in Innenstadtlagen zugunsten der Betroffenen (Haushalte mit Berechtigungsschein) zu entfristen. Bislang gilt sie maximal 30 Jahre. In den Randlagen selbst müsste gezielt in deren Lebensqualität und Öffnung zur Stadt hin investiert werden. Ihre Attraktivität ließe sich steigern, könnten sich dort Künstler und Kreativwirtschaft ansiedeln, um Kulturzentren zu etablieren, die als Türöffner wirken. Das braucht Jahre und politischen Willen. Und Auflagen, die eine womöglich schleichende Gentrifizierung und neuerliche Vertreibung Bedürftiger verhindern.

Am Wirksamsten jedoch wird sich einer weiteren Ghettoisierung nur per Gesetzen ein Riegel vorschieben lassen. Nur so lässt sich reinen Immobilienspekulanten das Handwerk legen. Nur so sind Mieter vor Zwangsauszügen im Zuge von renditegetriebenen Modernisierungsmaßnahmen zu schützen.