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Ab 2010 droht Fachkräftemangel

Die Wirtschaftskrise macht sich im Saarland mit Entlassungen bemerkbar, auch kleinere Betriebe sind betroffen. Geht es bald wieder aufwärts oder stehen wir erst am Anfang der Rezession?Weber: Ich denke, dass wir nach dem Konjunktureinbruch im Winter die Talsohle erreicht haben. Die Konjunktur hat sich jetzt auf niedrigem Niveau stabilisiert

Die Wirtschaftskrise macht sich im Saarland mit Entlassungen bemerkbar, auch kleinere Betriebe sind betroffen. Geht es bald wieder aufwärts oder stehen wir erst am Anfang der Rezession?Weber: Ich denke, dass wir nach dem Konjunktureinbruch im Winter die Talsohle erreicht haben. Die Konjunktur hat sich jetzt auf niedrigem Niveau stabilisiert. Ich gehe davon aus, dass es im zweiten Halbjahr wieder leicht aufwärts geht. Die Arbeitslosigkeit wird aber noch einige Zeit steigen, trotzdem versuchen die Unternehmen alles, um ihr Personal zu halten. Der Ausbildungsmarkt ist dadurch aber belastet.Kirf: Im Handwerk haben wir zwar Umsatzrückgänge, aber keinen Einbruch erlebt. Ich glaube nicht, dass im Handwerk wegen der Krise die Ausbildungsbereitschaft sinkt: Die Leute wissen, dass ab 2010 jährlich weniger Schüler von den Schulen abgehen und dass jetzt überproportional ausgebildet werden muss, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken.2008 ist die Situation noch umgekehrt: Durch die ersten G8-Abgänger werden 560 zusätzliche Bewerber auf dem Ausbildungsmarkt erwartet - was machen Sie, wenn im Herbst immer noch zu viele ohne Stelle sind?Weber: Wir setzen in der IHK auf mehrere Maßnahmen. Einmal gehen wir Klinken putzen. Unsere Berater gehen in gut 5000 Betriebe und werben dort für zusätzliche Ausbildungsplätze. Dafür haben wir extra unser Beraterteam verstärkt. Außerdem müssen IHK-Mitgliedsbetriebe in diesem Jahr keine Ausbildungsgebühren bezahlen. Damit entlasten wir ausbildende Betriebe. Wer dennoch ohne Stelle bleibt, hat die Chance, über Nachvermittlung und Endspurtbörsen einen Ausbildungsplatz zu bekommen.Kirf: Bei den absoluten Zahlen sind es natürlich bei uns weniger - um die 3000 Betriebe - die wir gezielt ansprechen. Im Rahmen des Matching-Projekts suchen Lehrstellenentwickler Auszubildende passgenau für die Betriebe. Im Handwerk haben 23 Prozent der Betriebe heute Schwierigkeiten, geeignete Lehrlinge zu finden.Weber:Schon ab dem kommenden Jahr wird es für die Betriebe immer schwieriger werden, Auszubildende zu finden. In zehn Jahren wird es bereits fast 30 Prozent weniger Schulabsolventen geben als heute. Gleichzeitig gehen viele Fachkräfte in den Ruhestand. Da droht eine riesige Facharbeiterlücke, wenn wir die Chance G8/G9 nicht bestmöglich nutzen.In welchen Branchen ist diese Entwicklung besonders stark?Kirf: Im Handwerk stehen da die Bäcker ganz vorne, die Metzger - überhaupt die Nahrungsmittelhandwerke, die haben ja heute schon Probleme. Wir werden auch zunehmend Probleme haben in den hochtechnisierten Berufen, im Elektro- und im Metallbereich, weil dort eine gewisse Qualifizierung vorausgesetzt wird.Für welche Berufe sollte man sich jetzt bewerben?Weber: Eine generelle Empfehlung möchte ich nicht aussprechen. Hilfreich ist es jedenfalls, sich bei der Berufswahl zunächst umfassend über die Ausbildungsinhalte zu informieren, und sich nicht von vornherein auf einen "Traumberuf" festzulegen. Viele Betriebe im gewerblich-technischen und im Gastronomiebereich können schon jetzt viele Ausbildungsstellen nicht besetzen. Wer sich für diese Bereiche interessiert, macht sicherlich nichts falsch.Wo liegen die Defizite bei der Schulausbildung?Kirf: Wichtig sind gute Kenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen. Fast acht (7,7) Prozent der Schüler kommen ohne Abschluss aus den Schulen, diese Zahl ist einfach zu hoch.Weber: Ja, und zu viel Spezialisierung, Fachausbildung in der Schule - das bringt uns auch wenig. Was wir brauchen, sind junge Menschen mit einer guten Allgemeinbildung, Menschen, die gelernt haben, wie man lernt. Die Spezialisierung kriegen sie bei uns in der Ausbildung und im Berufsleben.Was würden Sie verbessern?Kirf: Die 9. Klassen könnten verstärkt berufsorientierten Unterricht machen, sodass die Jugendlichen sich auch in verschiedenen Betrieben umsehen. Auch Kinder mit Migrationshintergrund werden bei uns noch zu sehr vernachlässigt.Weber: Ich stimme zu. Zudem brauchen wir mehr Angebote für Jugendliche, die eher praktisch begabt sind - Ausbildungsgänge mit reduzierten Theorie-Anforderungen.


HintergrundIm Sommer 2009 kommen im Saarland zu den 3400 G9-Abiturienten mit 13-jähriger Schulzeit erstmals 2800 G8-Abgänger hinzu, die die Abiturprüfung nach zwölf Jahren ablegen. Erfahrungsgemäß suchen von ihnen rund 20 Prozent eine Lehrstelle, weshalb die Partner im Ausbildungspakt, darunter die saarländische Landesregierung, die Kammern und die Arbeitsagentur, mit 560 zusätzlichen Bewerbern rechnen. de